Kopfkino

Vergangene Woche habe ich mich dazu entschieden, endlich den „großen Roman“ anzugehen, von dem ich seit Kindestagen träume. Die Geschichte handelt von einer Welt, in der man mit Hilfe eines im Gehirn implantierten Chips unter anderem Medieninhalte direkt im Kopf konsumieren kann. Die Idee dazu hatte ich schon vor Jahren und ich hatte auch damals schon einiges dazu geschrieben. Die hier angeführte Textprobe stammt aus diesem Fragment; ich wünsche gute Unterhaltung!

Der Abend war regnerisch und unbehaglich. Bert war nach der Arbeit rasch nachhause gefahren und hatte es sich gemütlich gemacht. Sein Abendessen kochte er nach einem Rezept aus Jamie Olivers „Genial italienisch“, das er als E-Book in seinem Gehirn geöffnet hatte und während er aß,    sah er sich im Kopf eine der frühen Folgen von „Die Simpsons“ an. Dabei switchte seine Aufmerksamkeit hin und her, je nachdem ob er gerade im Rezept las oder die Zutaten verarbeitete, ob er Homer Simpson beim Biertrinken zusah oder selbst einen Schluck aus seinem Weinglas nahm.

Bevor sein Chip aktiviert worden war, hatte Bert sich nicht vorstellen können, wie er die gleichzeitige Benutzung des Chips und seiner Sinnesorgane wahrnehmen würde. Er hatte geglaubt, das eine würde das andere ausblenden, aber das war nicht der Fall. Es war, als trage er eine Brille, deren Gläser transparente Monitore waren, auf die ein Medieninhalt projiziert wurde. Es lag ausschließlich an ihm, ob er seine Aufmerksamkeit auf die Projektion oder auf die Realität lenkte. Freilich verschwand dadurch der jeweils andere Sinneseindruck nicht, doch registrierte er diesen nur noch knapp über der Wahrnehmungsschwelle. Es war, als starrte er in eine Zeitung, während er an etwas völlig anderes dachte: Die Zeitung verschwand nicht, er blendete sie aber aus. Anfangs war er von dieser ungewohnten Zweigleisigkeit irritiert gewesen, doch sein Gehirn hatte sich schneller an den neuen Zustand gewöhnt, als er es für möglich gehalten hätte. Unwillkürlich musste er schmunzeln: Begriffe wie „Kopfkino“ oder Sätze wie „ich sehe es vor meinem inneren Auge“ bekamen durch diesen Chip eine völlig neue Bedeutung.

Später lümmelte Bert auf der Couch, hatte die Augen geschlossen und hörte sich im Gehirn „Smoke on the Water“ von Deep Purple an. Dass der Wind einen Regenschauer nach dem anderen gegen sein Fenster peitschte, bekam er nicht mit, denn er spielte wieder einmal mit den Lautstärkereglern.

Es war einfach nur phantastisch! Früher, wenn er seinen alten Verstärker lauter und lauter gedreht hatte, war die Musik irgendwann in einem Wummern untergegangen, weil das Gerät seine physikalischen Grenzen erreicht hatte.

„Headmusic“, so hieß die Musik-Software seines Chips, funktionierte da völlig anders: Da die Musik nur aus mikroelektronischen Impulsen bestand, ließ die Qualität nie nach, egal wie laut Bert den Sound aufdrehte. Die Grenze der Lautstärke setzte sein Gehirn – oder besser gesagt der Chip, denn dieser maß den Widerstand seiner neuralen Bahnen und warf eine Warnanzeige auf, wenn sich die Lautstärke der Belastbarkeitsgrenze von Berts Gehirn näherte. Überschritt er einen festgesetzten Grenzwert, regelte sich die Lautstärke automatisch nach unten, um das Gehirn vor Schaden zu bewahren.

So stand es zumindest in der Betriebsanleitung des Chips. Bert war es bislang noch nie gelungen, diesen Grenzwert zu erreichen, weil die Lautstärke vorher einfach unerträglich für ihn wurde. Dennoch blieb die Qualität der Musik immer einwandfrei. Das Lauterdrehen in seinem Kopf war nicht vergleichbar mit dem Lauterdrehen eines Verstärkers, es war eher so, als ginge er immer näher an einen gleichmäßig lauten Verstärker heran.

Als er so auf seiner Couch lag, fragte Bert sich einmal mehr, ob ein anderer Mensch die Musik in seinem Kopf hören würde, wenn er sein Ohr an Berts Ohr legte, so wie man die Musik aus den Kopfhörern eines anderen vernahm, wenn dieser sie nur laut genug aufdrehte. Aber das war natürlich Blödsinn. Die Musik gab es nicht wirklich, zumindest nicht in ihrer akustischen Form, wie man das gewohnt war, sie spielte nur in Berts Kopf. Genauso wenig würde ein anderer einen Film sehen, der in Berts Kopf lief, wenn er ihm nur tief genug in die Augen blickte.

Da mischte sich ein noch nie gehörtes Klingeln in Smoke on the Water; Bert wurde aufmerksam. Er regelte die Lautstärke zurück und wandte seine Aufmerksamkeit den Ohren zu. Tatsächlich, es läutete an der Tür! Mit einem Brainmouse-Klick auf die Pausetaste brachte er Deep Purple zum Schweigen und stand auf, um zur Gegensprechanlage zu gehen. Er sah auf die Uhr: Wer mochte um fünf nach acht noch etwas von ihm wollen?

„Ja, bitte?“ Berts Stimme kam ihm selbst ungewohnt vor. Das war immer so, wenn er nach einiger Zeit „brainen“, wie die amerikanischen Jugendlichen die Mediennutzung im Kopf mittlerweile nannten, wieder seine Sinnesorgane benutzte.

„Mein Name ist Schmitt, ich komme von der Zapp-Security und muss mit Ihnen sprechen.“

Irgendetwas in der Stimme des Mannes am anderen Ende der Gegensprechanlage löste in Bert einen Alarm aus. Stimmte etwas nicht mit seinem Chip? Aber warum rief man ihn dann nicht an? Kurz entschlossen drückte er auf den Türöffnerknopf und schloss die Wohnungstür auf, um den Besucher zu erwarten, wenn er die Stiege heraufkam.

Herr Schmitt sah aus wie ein Bodyguard. Zwar fehlte dem Endzwanziger eine beeindruckende Körpergröße, doch wurde diese durch seine voluminöse Muskulatur wettgemacht, die sogar durch den, zugegebenermaßen etwas eng geschnittenen dunklen Anzug zu sehen war. Seine Haare waren kurz geschoren und seine Augen in einer undefinierbaren Farbe dunkel. Er wirkte eher wie ein Söldner, denn wie ein Sicherheitsmann.

Bert bat ihn in die Wohnung und schloss die Tür hinter sich. Er bot Herrn Schmitt einen Platz auf einem der Couchsessel an, während er selbst sich auf das Sofa setzte. Als sein Besucher Platz nahm, erkannte Bert, dass sein Anzug gar nicht eng geschnitten, sondern aus einem Stretchmaterial gefertigt war. Vermutlich brachte das dem Security-Mann einen Vorteil in Nahkampfsituationen. Schmitt zauberte einen Ausweis aus der Innentasche seines Sakkos hervor und hielt ihn Bert hin. Dieser warf einen flüchtigen Blick darauf und nickte unbeholfen, was sollte er schließlich von einem Zapp-Ausweis schon ablesen können?

„Mein Name ist Schmitt und ich bin von der Zapp-Security“, wiederholte der Besucher seine Vorstellung. Seine Stimme wurde von einem unüberhörbaren norddeutschen Akzent getragen. „Ich bin Ihnen zur Überwachung zugeteilt.“

„Zu meiner Überwachung?“, entfuhr es Bert entsetzt.

„Zu Ihrem Schutz“, verbesserte sich Schmitt rasch. „Als Testperson für Chip 2 sind Sie ein potenzielles Ziel für Industriespione der Konkurrenz.“

Bert spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg. Daran hatte er ja noch gar nicht gedacht! Schmitt fuhr fort:

„Deshalb überwacht Zapp jede Versuchsperson und überprüft ihr Umfeld. Es geht darum, mögliche Zugriffsversuche vorherzusehen und zu stoppen, noch ehe sie stattfinden.“

„Warum hat mir das keiner gesagt?“, fragte Bert. Er wusste nicht, ob er empört oder beruhigt sein sollte.

Der Sicherheitsmann zuckte mit den Schultern und so etwas wie ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Vielen Menschen ist eine Überwachung unangenehm. Deshalb bewacht Zapp seine Testpersonen sozusagen undercover.“

„Sie aber nicht!“

„Das liegt daran, dass sich ein Alarmfall ergeben hat.“

Schmitt sah Bert gerade in die Augen. Ein unangenehmer Blick, vor allem in Verbindung mit dem, was er sagte.

„Was denn für ein Alarmfall?“

„Sie werden seit einiger Zeit von der Konkurrenz beschattet. Konkret sind es Spione des amerikanischen Konzerns Softking, ein Feind, den wir nicht unterschätzen dürfen.“

„Softking? Sie meinen diesen Computergiganten?“

„Ebendiesen. Mit seinem neuen Chip-Programm hat Zapp Softking am Markt abgehängt. Das wollen die Brüder nun nicht auf sich sitzen lassen.“

Bert spürte, wie sein Herzschlag Fahrt aufnahm.

„Ja, aber … aber was wollen die von mir?“ er stotterte.

Schmitt musterte Bert mit einem ganz seltsamen Blick, welcher nicht auf dessen Augen sondern auf dessen Stirn gerichtet war.

„Den Chip in Ihrem Kopf“, antwortete er.

„Ich … ich verstehe das nicht! Wieso den Chip in meinem Kopf?“

„Zapp verfügt über ein hervorragendes Sicherheitskonzept“, erklärte Schmitt und es klang, als sei das seine Leistung. „Unsere Entwicklungs- und Produktionsstätten sind streng überwacht, ebenso die Mitarbeiter dort. Es ist für die Konkurrenz – man muss es so sagen – unmöglich, hier an Informationen zu kommen. Also versucht es Softking über einen weniger abgeschirmten Bereich, nämlich über unsere Versuchspersonen.“

Bert lachte unvermittelt.

„Das ist doch völliger Blödsinn“, versuchte er sich selbst Mut zu machen. „Softking braucht doch nur einen Strohmann zu schicken, der sich den Chip einpflanzen lässt. Dieser wird danach operativ entfernt und voila, Geheimnis geknackt!“

Das Lächeln, das sich nun auf Schmitts Gesicht ausbreitete, war zwar kaum sichtbar, dafür aber umso treuherziger. Noch bevor er den Mund aufmachte verstand Bert, dass Schmitt ihn für liebenswert naiv hielt. Dennoch blieb er emotionslos sachlich, als er erklärte:

„Unser Sicherheitskonzept berücksichtigt diese Möglichkeit selbstverständlich. Sobald der Chip aus dem Gehirn entfernt wird und mit Luft in Berührung kommt, zerstört er sich selbst mittels einer chemischen Reaktion.“

„Ja, wie“, fragte Bert irritiert, „und was, wenn mein Chip eine Fehlfunktion hat und entfernt werden muss?“

„Dann setzt Zapp Ihnen einen neuen ein.“

„Und die darauf gespeicherten Daten?“

„Werden vor der Prozedur auf einen externen Rechner gespeichert und danach auf den neuen Chip übertragen.“

Natürlich, was für eine blöde Frage! Aber die nächste fand Bert berechtigt:

„Und was ist mit der Säure? Was wenn der Chip undicht wird und mein Gehirn verätzt?“

„Ich weiß nicht, ob die Selbstzerstörung mittels Säure geschieht, die genauen Details sind mir nicht bekannt. Mir ist nur bekannt, dass jeder neue Chip mit einer Schutzschicht überzogen ist, die ihn vor dem Kontakt mit der Luft schützt. Wird der Chip implantiert und kommt die Schutzschicht mit der Gehirnflüssigkeit in Berührung, löst sie sich innerhalb weniger Stunden auf. Danach ist die Oberfläche des Chips angreifbar und wird bei Kontakt mit Luft sofort zerstört, vielleicht durch den Sauerstoff oder sonst ein Gas, aus dem die Luft besteht.“

„Aber dann verstehe ich nicht, was die Softking-Leute von mir wollen“, warf Bert nun ein. „Ich meine, wenn sie mir den Chip gewaltsam aus dem Kopf schneiden, wird er doch ebenso unbrauchbar, wie wenn sie ihn mir abkaufen und dann entfernen. Und eine Röntgenaufnahme oder eine CT meines Schädels wird zur Analyse wohl nicht ausreichen, denn das werden sie vermutlich ja schon versucht haben.“

Schmitt sah Bert wieder mit diesem eigenartigen Blick an, der diesmal aber auf seine Augen gerichtet war. Er zögerte einige Sekunden, als suchte er nach den passenden Worten und als er diese offenbar nicht fand, sagte er:

„Sie wollen Ihnen den Kopf abschneiden.“

Bert war, als zöge eine plötzliche, wahnsinnige Angst seine Kopfhaut nach hinten. Anstelle einer Antwort entwich nur ein Keuchen seiner Kehle und sein Kiefer klappte zitternd auf und zu.

Als wollte er ihn in die Enge treiben, erhob sich Schmitt und sagte, indem er seine Augen nicht von denen Berts ließ:

„Sie wollen Ihren Kopf abschneiden und unter Wasser öffnen, um an den Chip heranzukommen.“ Seine Stimme schien nun lauter zu klingen, bedrohlicher. Aber vermutlich bildete Bert sich das nur ein. „Sie werden die Art der Verbindung zwischen Chip und Gehirn erforschen und dann den Chip selbst analysieren. Nur wenn sie es auf diese Weise tun, können sie sich die Zeit lassen, die sie dafür brauchen; Zeit, die sie nicht haben, wenn der Träger des Chips am Leben bleiben soll.“

Es dauerte einige Zeit, ehe Bert sich wieder beruhigt hatte. Zunächst kotzte er jedoch Jamie Olivers Radicchio-Risotto ins Klo.

Wer von euch würde das fertige Buch kaufen?

Bis bald, euer Roland Zingerle

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Kommentare: 2
  • #1

    Elke (Mittwoch, 24 Februar 2016 09:14)

    Startrek rund um die Uhr - direkt im Kopf? :))

  • #2

    Karl (Sonntag, 06 März 2016 21:42)

    Hallo Roland, wenn der Text in dieser Tonart so weitergeht, und das ein ganzes Buch lang, dann lassen wir es nach dessen Übersetzung in Russland verlegen, denn die Menschen hier lieben solche Themen ungemein.