Der Bauer und der Tod

Ich schreibe gerne. Ich liebe es, Handlungen zu erfinden, ungewöhnliche Schauplätze zu entwerfen und die einzelnen Szenen so zu konstruieren, dass sie die Spannung erhalten und neugierig machen. Was mir daran am besten gefällt, ist die Götterrolle. Immerhin erschaffe ich ein eigenes Universum, in dem alles so geschieht, wie ich es möchte. Ich verändere Naturgesetze, wenn mir danach ist, lasse Figuren gedeihen, scheitern, sterben und wieder auferstehen und ich brauche dabei nicht den geringsten Kompromiss einzugehen, denn ich bin niemandem gegenüber verantwortlich, außer meiner Handlung – und damit mir selbst. Das eigentliche Schreiben, das Spiel mit dem Stil, kommt nach der Konstruktion der Figuren und der Handlung. Es hat einen ganz anderen Reiz, nämlich den des persönlichen Ausdrucks und der Freiheit, den Text so zu gestalten, wie ich selbst ihn gerne lesen würde.

 

Freilich, wenn ich die Geschichte verkaufen möchte, muss ich mich nach dem Markt richten. Jeder Verlag betreut eine gewisse Leser-Zielgruppe, die einen bestimmten Mix aus Handlungshöhen und -tiefen, krimineller Härte und Stilintensität erwartet und danach muss ich mich richten. Vor allem der Stil ist eine sehr starke Leserbindungskraft, denn er verleiht dem Text seinen unverwechselbaren Ton, seine Persönlichkeit. Deshalb ist gerade hier besonderes Fingerspitzengefühl gefragt.

 

In „Der Bauer und der Tod“, meinem nächsten Krimi, der Mitte September erscheint, hat mir der Emons-Verlag dahingehend fast völlige Freiheit gelassen. Wie gesagt, ich schreibe grundsätzlich gerne, doch diesen Roman habe ich besonders gerne geschrieben. In keinem anderen meiner bisher veröffentlichten Bücher habe ich stilistisch so sehr ich selbst sein dürfen, wie in diesem.

 

Die Geschichte dreht sich um Robert, einem sich selbst versorgenden Keuschler im paradiesisch-naturbelassenen Krappfeld, der nach seiner Scheidung einen so großen Schuldenberg am Hals hat, dass er ihn unmöglich abzahlen kann. Die Pfändung droht und damit das Ende seines, von ihm so geliebten einfachen Einsiedler-Daseins. Da kommt ihm Johanna zu Hilfe, eine junge Nachbarbäuerin. Sie hat die Vision einer neuen, naturbelassenen Landwirtschaft und möchte Roberts Felder pachten, die noch nie mit Kunstdünger oder sonstigen Chemikalien in Berührung gekommen sind und deshalb perfekt für ihre Zwecke geeignet sind. Sie ist bereit, Roberts Schulden zu tilgen, wofür sie auf Lebenszeit seine Felder bewirtschaften darf. Somit könnten alle zufrieden sein – würde Johanna nicht in der Nacht vor der Vertragsunterzeichnung spurlos verschwinden.

 

Robert, aus einfachsten, bäuerlichen Verhältnissen stammend, wird somit über Nacht zum denkbar höchstmotivierten Ermittler. Und was den Stil betrifft: Macht euch bitte selbst ein Bild:

Mit Ausnahme des zerschlissenen Handtuchs, das über seiner Schulter hing, war Robert wieder splitternackt, als er zu Mittag aus seiner Hütte trat und zu der alten Blech-Badewanne ging, die er zwischen den Apfel-, Zwetschgen- und Birnbäumen platziert hatte. Er hängte sein Handtuch an einen Zweig und steckte vorsichtig den große Zeh seines rechten Fußes in das Wasser. Er kniff die Augen zusammen, schürzte die Lippen und bewegte abwägend den Kopf hin und her. Dann nahm er den Schlauch, öffnete den Verschluss, und als er mit der Hand die Temperatur des herausströmenden Wassers überprüfte, entspannte sich sein Gesichtsausdruck. Seit er den Schlauch das letzte Mal zugedreht hatte, hatte die Sonne das Wasser darin erhitzt. Robert ließ es in die Wanne rinnen, drehte den Schlauch dann wieder zu und stieg in die Blechwanne. Sein Gesichtsausdruck dokumentierte eindrucksvoll seine Empfindungen, während sich sein Körper nach und nach an das recht frische Wasser gewöhnte, doch als er schließlich vollends in dem blechernen Badetrog lag und die Hände hinter seinem Kopf verschränkte, grinste er breit und begann, Löcher in den wolkenlosen Himmel über sich zu starren – bis durch das Bienensummen und das Grillenzirpen hindurch das anschwellende Brummen eines Motors an seine Ohren drang.

 

Robert hatte nichts gegen Besuch, ganz im Gegenteil, aber gerade jetzt wollte er keinen. Gleich darauf sah er den zerbeulten orangefarbenen VW Käfer seines Bruders Pepi langsam über den Weg auf seine Hütte zuwackeln. Sowohl die Geschwindigkeit als auch die eigentümliche Bewegung des Fahrzeugs waren dem Zustand des Weges geschuldet, der von der Straße zu Roberts Hube führte und für dessen Beschreibung das Wort »erbarmungswürdig« kaum ausreichte. Pepi parkte den Käfer an der Hütte, sah den Schlauch und wusste wohl, was Sache war, denn er kam schnurstracks in den Obstgarten, mit einem Gesichtsausdruck, von dem Robert ablesen konnte, dass etwas nicht stimmte. Sein hagerer, sonst stets fröhlicher Bruder wirkte heute wie eine entsetzte Vogelscheuche – ein Eindruck, der vor allem von Pepis hervorstechenden Adams- und Augäpfeln getragen wurde.

 

»Was ist denn?«, fragte Robert anstelle einer Begrüßung.

 

»Servus, Robert.« Pepi blieb vor der Wanne stehen und trat von einem Bein auf das andere.

 

Robert sah sich das ein paar Sekunden lang an, doch als sein Bruder weder Anstalten machte, sich zu erklären, noch zu kichern, obwohl er das nach dem Sprechen eigentlich immer tat, fragte er erneut und diesmal mit einer gehörigen Portion Misstrauen in der Stimme: »Was ist denn?«

 

»Es ist … es ist etwas passiert.« Pepi kratzte sich am Kopf.

 

»Was denn?«

 

»Na ja, es ist so, dass …« Pepi suchte nach Worten, und es dauerte ein paar Sekunden, bis Robert vom Gesicht seines Bruders die Erkenntnis ablesen konnte, wie wenig Sinn es machte, etwas zu verschweigen, wenn man gekommen war, um es zu erzählen. Die Weiterleitung an den Stimmapparat nahm dann noch einmal so viel Zeit in Anspruch. »Ich war gerade beim Wiesenwirt. Dort haben sie mir erzählt, dass … Robert, Johanna ist verschwunden.«

 

»Was?« Mit einem ebenso spontanen wie hektischen Wasserrauschen sprang Robert aus der Wanne, rutschte im nassen Gras aus und plumpste derb zu Boden, wo er noch einige Male unbeholfen auf den verlängerten Rücken zurückfiel, ehe er endlich auf die Beine kam. Pepi wandte sich mit einem Ausdruck des Ekels von ihm ab.

 

»Mah, Robert, deck dein Pimperle zu! Wie das ausschaut.«

 

»Was heißt, Johanna ist verschwunden?«

 

»Sie ist gestern Abend nicht heimgekommen.«

 

»Haben sie sie gesucht?«

 

Pepi drehte sich wieder zu Robert, doch erneut spiegelte sich Abscheu in seinen Augen, weil sein Bruder nach wie vor im Adamskostüm vor ihm stand und nun auch noch die Hände in die Hüften gestemmt hatte. »Freilich haben sie sie gesucht, aber gefunden hat sie keiner. Seit gestern Abend um neun hat sie keiner mehr gesehen. Das heißt …« Pepi entdeckte das Handtuch am Ast, griff danach und gab es seinem Bruder.

 

Robert nahm das Handtuch, stemmte jedoch die Hand, die es hielt, gleich wieder in seine Hüfte. »Das darf ja nicht wahr sein«, rief er außer sich. »Wenn Johanna bis übermorgen nicht auftaucht, ist auch meine Hube weg. Das kann ja nicht sein.«

Der Bauer und der Tod

Emons-Verlag

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