An der deutsch-deutschen Grenze

Als Fernseh-Konsument stolpere ich mit ermüdender Monotonie über eine schier endlose Landschaft oberflächlicher, seichter Unterhaltungsinhalte, die entweder aus den USA importiert oder solchen Formaten nachgeäfft wurden. Ich würde die Macher diverser Sitcoms gerne einmal fragen, inwieweit sich die Darstellung gewöhnlicher Alltagserlebnisse als erzählerische Handlungen bezeichnen lässt. Außerdem würde ich diesen Leuten gerne mitteilen, dass es nicht zwangsläufig lustig ist, eine handelnde Figur in eine dämliche Verkleidung zu stecken, sie etwas Saublödes tun oder einer anderen Figur etwas Unerwartetes antworten zu lassen, egal, wie laut die Lacher sind, die dabei mit eingespielt werden. Freilich gibt es auch Menschen, die darüber lachen, wenn etwa eine Figur eine Torte ins Gesicht bekommt, aber diese Menschen schlafen beim Hauptabendprogramm zumeist schon, weil sie am nächsten Tag in den Kindergarten müssen; ich nenne das nicht Humor.

 

Das Fernsehen hat da ganz andere Möglichkeiten, es kann zum Beispiel ein Katalysator sein, der den Humor im Zuseher selbst zum Klingen bringt. Als Fernseh-Konsument stolpere ich heuer auch über eine Unzahl von Dokumentationen zu Jubiläen aller Art und eines davon ist das Ende der DDR vor fünfundzwanzig Jahren. Hiervon bin ich Zeitzeuge und hierbei habe ich etwas erlebt, das mich sehr zum Lachen bringt.

 

Im Herbst 1989 „fiel der Eiserne Vorhang“, wie es so schön heißt. Ein zweideutiges Bild, denn wenn im Theater der Vorhang fällt, ist die Vorstellung zwar zu Ende – was im Falle der DDR ja durchaus passt –, doch der Vorhang ist dann auch geschlossen, was im Falle des Eisernen unrichtig ist, denn der hatte sich damals ja geöffnet. Aber sei es drum, der Eiserne Vorhang war weg und der Kalte Krieg zu Ende, allerdings war die Sache damit nicht einfach so vorbei. Man fusioniert nicht von heute auf morgen zwei Staaten, die vierzig Jahre lang getrennt voneinander regiert wurden. Entsprechend herrschte in der Folgezeit eine gewisse Unsicherheit im Umgang mit der Situation, in erster Linie natürlich beim Grenzpersonal des nun nicht mehr existierenden „Arbeiter- und Bauernstaates“ DDR. Hier musste viel improvisiert werden und viel hing von den jeweils handelnden Akteuren ab – von denen nicht alle mit der zeitgeschichtlichen Entwicklung glücklich waren.

 

Im Frühjahr 1990 war ich Mitglied einer Reisegruppe, die neugierig darauf war, wie es denn jenseits der soeben entfernten, aber immer noch kontrollierten deutsch-deutschen Grenze aussah. Wir übertraten diese in einem Reisebus von Bayern nach Thüringen. Ein Grenzbeamter kam in den Bus, begrüßte uns alle herzlich, warf einen flüchtigen Blick auf die Pässe, die unser Reiseleiter vorher eingesammelt hatte, und wünschte uns dann eine gute Weiterreise und einen schönen Aufenthalt „in den neuen Bundesländern“. Die Grenze war echt weg!

 

Die Türen unseres Busses schlossen sich, der Fahrer fuhr los – als unweit vor uns ein anderer Grenzer in die Fahrbahn sprang und mit erkennbar wutentbranntem Gesicht wild fuchtelnd zu erkennen gab, dass wir wieder anhalten sollten. Der Busfahrer gehorchte, öffnete die Türen und der Uniformierte sprang herein, woraufhin sich zwischen ihm und unserem Reiseleiter folgender Dialog entfaltete:

 

Grenzer (zornig): „Sagense mal, was soll das? Sie könn‘ da doch nich so einfach durchfahren!“

 

Reiseleiter (erklärend): „Der Beamte da hinten hat gesagt, wir dürfen weiterfahren.“

 

Grenzer (steif werdend): „Bei uns gibt es keine Beamten! Bei uns gibt es nur Arbeiter und Bauern!“

 

Reiseleiter (genervt): „Okay – der Bauer da hinten hat gesagt, wir dürfen weiterfahren.“

 

Unter unseren kaum bis nicht unterdrückten Lachern nahm der Grenzer unsere Pässe mit und ließ uns geschlagene zwei Stunden warten. Dann brachte er sie zurück, nun mit einem Ausdruck der Zufriedenheit über die regelkonforme Abwicklung im Gesicht, und sicherlich auch mit einem der Schadenfreude, den er sich jedoch nicht anmerken ließ.

 

Als unser Bus endlich weiterfahren durfte, mutmaßte unser Reiseleiter mit einem verschmitzten Lächeln:

 

„Dann war der, der uns zuerst kontrolliert hat, wohl doch ein Arbeiter.“

 

Auch das kann Fernsehen: Wann immer ich über eine DDR-Doku stolpere, denke ich an diese Anekdote und lache, ein Vierteljahrhundert danach, immer noch. Das nenne ich Humor!

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