Neulich in der Rumpelkammer

Als ich neulich in der Rumpelkammer nach etwas völlig anderem suchte, stolperte ich über meine Vergangenheit. Genauer gesagt stolperte ich über ein rucksackähnliches Etwas in vager Quaderform, dick bepackt mit einem stoffähnlichen, raschelnden Material. Nicht, dass ich es je vergessen hätte, aber in der Rumpelkammer meiner Erinnerung lagerte es so weit hinten, dass ich in der realen Rumpelkammer darüber stolpern musste, um mir seiner wieder bewusst zu werden. Ich ging mit dem Paket ins Freie, packte es aus und faltete das darin enthaltene Bündel auseinander. Ein seltsames Gefühl, nach ich weiß nicht wie vielen Jahren wieder meinen Gleitschirm vor mir liegen zu sehen. Ich schirrte mich an und lief los, einen Hang hinab. Zwar öffnete sich der Schirm über mir, doch ich musste erkennen, dass ich mittlerweile wohl etwas zu schwer für ihn geworden war. Von Fliegen war keine Rede, aber zumindest landete ich nicht völlig ungebremst auf dem Hintern, als ich die Beine anzog. Während ich ihn zusammenraffte und den Hügel wieder hinaufschleppte, erinnerte ich mich, dass er ja nur über eine bescheidene Gleitzahl verfügte. Die Gleitzahl gibt an, über welche Distanz ein Fluggerät bei einer bestimmten Starthöhe ohne Motorantrieb segelt. So gesehen war mein Gleit-Schirm eher ein Fall-Schirm und das hatte ich seinerzeit, im zarten Alter von siebzehn Jahren am eigenen Leib erfahren müssen.

 

Wie die meisten Jugendlichen jener Zeit war auch ich vom Film „Top Gun“ fasziniert gewesen: Da sah man Maverick auf seiner Yamaha zum Flugplatz cruisen und sich in den F-14-Kampfjet schwingen; sein Partner auf dem Rücksitz. Ich war ähnlich cool, ich fuhr auf dem Rücksitz des Mopeds meines Freundes auf den Lorenziberg und faltete dort meinen Paragleiter auseinander. Paragleiten war damals so etwas wie ein Ausflug in eine andere Welt für mich. Ich konnte fliegen, zwar nicht so wie Superman, aber doch direkter den Elementen ausgesetzt, als dies mit jedem anderen Fluggerät möglich war. Das Erlebnis war jedes Mal gewaltig, ich fühlte mich heroisch.

 

An jenem Tag hatten wir strahlend sonniges Wetter, der Wind war zwar böig, aber nicht so schlimm, dass es zum Problem für das Fliegen werden konnte. Der Start glückte wie aus dem Lehrbuch und wenige Sekunden später gondelte ich zwanzig oder dreißig Meter über Grund den bewaldeten Berghang hinab. Ich genoss es wieder unglaublich! Das flatternde Geräusch der Stabilisatoren, die Sonne, die ein Bächlein zwischen den Bäumen tief unter mir zum Glitzern brachte – allein das Gefühl, in freier Luft hängend zu fliegen war wie eine Droge. Da störten mich die sporadischen Gegenwindböen auch gar nicht, die den Schirm immer kurz abbremsten und mich dadurch zum Vor- und Zurückpendeln brachten.

 

Bis zur letzten Geländeerhebung vor der Landewiese.

 

Das Problem beim Vor- und Zurückpendeln ist nämlich, dass der Gleitschirm dabei jedes Mal an Höhe verliert. Das und seine miserable Gleitzahl erwiesen sich nun als üble Mischung, denn dadurch war ich so tief gesunken, dass ich nun nicht mehr locker-flockig über besagte Erhebung hinweg para-gleiten würde können. Auf ihrer Kuppe standen zudem ein paar hohe Bäume und dahinter ein Einfamilienhaus. In Sekundenschnelle schätzte ich die Situation ab: Wenn es mir gelang, die Bäume so anzufliegen, dass mein Körper zwischen zwei Wipfeln hindurchflog, dann würden sich die Leinen meines Schirms nicht in den Ästen verheddern. Das Hausdach dahinter konnte ich schaffen, wenn ich die Beine anzog. Es war ein Wagnis, aber es war eine Chance. Ich schnaufte durch und schwenkte auf den geplanten Kurs ein.

 

Die angespannte Erwartung schwand, als mich die nächste Böe traf. Ich pendelte vor und zurück, verlor dadurch nochmals an Höhe und somit war ein Überfliegen der Kuppe kein Thema mehr. Ab jetzt ging es nur noch darum, möglichst viele Verletzungen einzusparen, wenn ich mitten im Wald niederging, denn das musste ich tun, wollte ich verhindern, dass mein Schirm von den hohen Bäumen eingefangen und ich im darauffolgenden Vorpendeln gegen die Hausmauer geklatscht wurde. In diesem Augenblick geschah so etwas wie ein Wunder. Direkt vor den hohen Bäumen tat sich eine Lichtung auf, die ich aus meiner bisherigen Perspektive nicht gesehen hatte. Jetzt war es aber höchste Zeit: Ich ließ die Bremsen nach oben, um schneller abzusinken, wodurch ich aber leider auch beschleunigte. Die Lichtung raste schneller auf mich zu, als ich fähig war, angemessen zu reagieren. In der ersten Panik zog ich die Bremsen wieder an, doch das genügte nicht, die hohen Bäume und das Haus waren mit einem Mal gefährlich nahe. In der zweiten Panik zog ich die Bremsen komplett durch, was zu einem Strömungsabriss des Schirms führte, wodurch er in sich zusammenfiel. Diese Prozedur leitet man als Gleitschirmpilot unmittelbar vor der Landung bei einer Restflughöhe von etwa einem Meter ein, um sachte am Boden aufzusetzen. Ich aber war noch geschätzte fünf Meter über Grund und folglich fiel ich vom Himmel, wie ein Stein. Da die Lichtung nach rechts hin abgeschrägt war, schlug ich in einer seltsamen Mischung dreier Bewegungsrichtungen auf, nämlich nach vorne, nach unten und nach rechts hin. Der Drall, den ich dadurch bekam, war mindestens ebenso seltsam und ich kugelte, irgendwie in die Leinen meines Gleitschirms verheddert herum, ehe ich schließlich zum Stillstand kam; schwitzend, schnaufend, zitternd und mit dem Gesicht knapp über einer kompakten Spinne, die hier gerade durchs Gras kraxelte. Der Schirm sank einen Meter vor den hohen Bäumen nieder.

 

Mir war nichts passiert. Meine Geschwindigkeit sowie die Schräge des Bodens hatten meinem Aufprall wohl viel von seiner Wucht genommen. Zwar hatte ich mir den Knöchel verstaucht, doch der Schmerz klang schnell wieder ab, so dass ich meinen Schirm zusammenraffte und mir einen Weg zur Landewiese suchte. Dort wartete schon mein Freund, der in der Zwischenzeit vom Berg heruntergefahren war, um mich abzuholen.

 

An all das erinnerte ich mich, als ich nun, nach meinem missglückten Startversuch, den alten Gleiter wieder zusammenfaltete, ihn wieder in der rucksackähnlichen Tasche verstaute und diese wieder in die Rumpelkammer zurückstellte.

 

Ist das nicht verrückt? Wir machen so viele wunderbare, abenteuerliche, aufregende Dinge in unserem Leben, Dinge, die uns über geraume Zeit hinweg vollends für sich einnehmen, weil sie uns so sehr begeistern – und nur wenige Jahre später haben wir sie in der Rumpelkammer unserer Erinnerung so weit hinten deponiert, dass wir über ihre Beweise in der Realität stolpern müssen, um uns bewusst zu werden, dass da überhaupt einmal etwas war ...

 

 

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Helga (Dienstag, 29 Juli 2014 10:05)

    Super geschrieben, spannend, man lebt jeden Moment mit, danke!