Mitten in der Arbeit

Es gibt Lebensphasen, die fühlen sich an wie ein Waten in knietiefem Sirup, weil die Dinge, die einen voranbringen könnten, von anderen Menschen abhängen. Und dann gibt es wieder Phasen, in denen scheinen vierundzwanzig Stunden pro Tag nicht auszureichen, weil alles gleichzeitig erledigt werden muss. In einer solchen Phasen befinde ich mich momentan. Zwar bin ich in der glücklichen Lage meine Arbeit zu lieben, aber es ist so wie mit gutem Essen: Ein paniertes Schnitzel ist wunderbar, ein paniertes Schwein einfach zu viel.

 

Eine meiner derzeitigen Arbeiten ist das Konzipieren und Schreiben eines Regionalkrimis. Und wie schon viele Male vorher fällt mir auch diesmal wieder ein Phänomen auf, das mir beim ersten Mal, als es mir unterkam, vor Erstaunen die Augenbrauen nach oben gezogen hat: Das Ding macht sich selbständig.

 

Dass sich die Handlung während des Schreibens verändert, ist ja normal. Neue Recherchen führen zu neuen Ideen, diese verändern die Handlung und dadurch zwangsläufig auch den gesamten Handlungsverlauf. Eher ungewöhnlich ist aber, dass die handelnden Figuren ein eigenes Leben entwickeln.

 

Nehmen wir als Beispiel Chefinspektor Leopold Ogris aus meinen Kneipen-Krimis. In der Konzeption damals habe ich ihn als einen desillusionierten Kriminalpolizisten angelegt, der sein Leben herunterlebt, ohne noch große Erwartungen an es zu haben. Er macht seine Arbeit so gut er kann, aber nicht aus Sendungsbewusstsein, sondern um seinem Tag einen Sinn zu geben und um von seinen Vorgesetzten in Ruhe gelassen zu werden; ein Scheißdrauf-Bulle, sozusagen. Daraus folgt, dass er keinen großen Wert auf sein Äußeres legt. Zwar trägt er immer Sakko und Krawatte, diese aber nachlässig und vernachlässigt; er wirkt einfach schlawutzig, was ihn ein bisschen originell, um nicht zu sagen auf eine lächerliche Art liebenswert macht.

 

Dieses Konzept änderte sich aber bereits während des ersten Auftritts meines Ermittlers. Aus dem knurrigen Polizeiermittler, der eigentlich von allen nur in Ruhe gelassen werden will, wurde in den Dialogen mit Protagonist Hubert Pogatschnig ein wahrer Schießhund. Es stellte sich heraus, dass er einen scharfen Verstand besaß und einen untrüglichen und unbetrügbaren Sinn für die Realität. Er wurde zu einem verantwortungsbewussten Familienvater, der das Gesetz aus innerer Überzeugung verteidigte und mauserte sich im Verlauf der Kneipen-Krimi-Serie zu der moralischen Instanz schlechthin.

 

Sie werden sagen: „Na schön, die Figur hat sich geändert, aber geschrieben hat sie ja trotzdem der Zingerle, wo ist da die Überraschung?“

 

Die Überraschung ist, dass sich eine solche Veränderung in keiner Weise abzeichnet. Sie passiert einfach so während des Schreibens und sie lässt keine einzige Figur aus. Im hier betrachteten Fall warf Pogatschnig dem Chefinspektor etwas hin – und dieser antwortete. Pogatschnig reagierte auf die Antwort – Ogris reagierte auf Pogatschnig. Im Laufe der ersten Dialoge charakterisierte sich der Polizist dermaßen selbst, dass sein ursprünglicher Entwurf überhaupt nicht mehr zu der tatsächlich entstandenen Figur passte. Ogris wurde so zum Gegenpol Pogatschnigs und Melischnigs, zu der zweiten Schale auf einer Waage, die sich ohne ihn zu sehr in Richtung Unvernunft geneigt hätte.

 

Ich rätsle auch heute noch, wie diese Verselbständigung zustande kommt. Eines steht jedoch fest: Die sich auf diese Weise selbst darstellende Figur ist viel authentischer als die von mir ursprünglich konzipierte. Sie spricht sogar teilweise in Sätzen und Wendungen, die mir selbst – so scheint es mir zumindest – nie einfallen würden.

 

Möglicherweise ist das der Genius der Kreativität, der göttliche Gedanke, der sich den Schriftsteller zu Diensten macht, um durch ihn zu sprechen? Wenn das so ist, dann hat auch Gott einen Hang zum Skurrilen, denn warum sonst sollte er durch mich einen Hubert Pogatschnig, einen Ludwig Melischnig oder einen Chefinspektor Leopold Ogris erschaffen? Möglicherweise ist dieses Phänomen aber auch nur Teil des dynamischen Schaffensprozesses, eine Veränderung, die sich daraus ergibt, wie sich die Interaktion der Figuren untereinander entwickelt.

 

Sei es, wie es sei, diese automatisierte Entwicklung begegnet mir immer wieder – nur leider umfasst sie nicht das Schreiben an sich, denn das wäre eine echte Hilfe in Phasen wie dieser, in der alles gleichzeitig erledigt werden muss.

Welche Erfahrungen haben Sie beim Schreiben gemacht? Ich freue mich über Ihre Kommentare.

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