Der größt(möglich)e Liebesbeweis

Der nun angebrochene Frühling ist für viele Menschen die schönste Jahreszeit. Den einen bedeutet er das Ende des Winters, die anderen verbinden ihn mit junger Liebe. In letzterem Zusammenhang fällt mir schon immer auf, dass vor allem junge Frauen davon schwärmen, wie romantisch doch dieser oder jener Freund von dieser oder jener Bekannten sei, wobei Romantik hier mit liebenswerter Verrücktheit gleichgesetzt wird. Allerdings, und auch das fällt mir schon immer auf, halten sich die dabei erzählten Verrücktheiten stets beschämend im Rahmen der Normalität. Sie sind eher ungewöhnlich als außergewöhnlich, obwohl es doch um nichts Geringeres geht, als um einen Liebesbeweis, darum, dass der junge Herr seiner Dame möglichst eindrucksvoll sein Herz zu Füßen legt.

 

Das ist wohl auch der Grund, warum die romantischste Liebeserklärung, von der ich je gehört habe, von mir selbst stammt; Filme, Romane oder sonstige fiktive Inhalte selbstverständlich ausgenommen. Auch wenn es lange her ist, so habe ich diese Liebeserklärung doch einer anderen Frau gemacht als der, die ich später geheiratet habe. Deshalb erscheint dieser Blog mit freundlicher Genehmigung meiner Ehefrau.

 

Auslandseinsatz

Vor rund zwanzig Jahren meldete ich mich freiwillig zu einem Militäreinsatz im Rahmen der Vereinten Nationen auf die Golanhöhen, das Grenzgebirge zwischen Israel und Syrien. Ich war damals über beide Ohren verschossen in eine junge Frau meines Alters, die ich hier Heidi nennen möchte. Auch wenn die Liebe schmerzhaft einseitig war, war sie nicht der Grund meiner Freiwilligmeldung. Sie wäre aber ein Hinderungsgrund gewesen, wie ein Latrinenspruch verrät, den ich damals in der Wiener Van-Swieten-Kaserne hinterlassen habe:

 

„Würde Heidi mit mir geh’n

 

 hätt‘ mich die UNO nie geseh’n.“

 

Wie auch immer.

Heidi liebte mich nicht, doch sie mochte mich, genug, um während meines Aufenthalts in Nahost einen losen Briefkontakt mit mir aufrechtzuerhalten. Als der Frühling am Golan anbrach, schickte ich ihr in einem Brief einige kleine, karge, nicht besonders ansehnliche Blümchen, zusammen mit der Bitte, sie solle diese aufbewahren und ich würde ihr nach meiner Rückkehr erzählen, was das wirklich Besondere an ihnen sei.

 

Romantischer Irrsinn

Bei unserem ersten Treffen danach löste ich mein Versprechen ein: Das Besondere an den Blumen war, dass ich sie für Heidi in einem Minenfeld gepflückt hatte.

 

Ich werde dieses Blumenpflücken nie vergessen, egal, wie lange ich noch lebe! Jeder Schritt in das Feld hinein war wie ein sich selbst Auflösen in Todesangst, ein Gefühl, als würde mir der Puls die Halsschlagadern zerreißen und als würden mir die Haare die Schädelhaut abziehen, so sehr streckten sie sich zu Berge. Es war ein psychischer Ausnahmezustand, der die Zeit gerinnen ließ, irgendwo zwischen der Angst, im nächsten Augenblick nicht mehr zu existieren und der Hoffnung, es vielleicht doch noch zu tun. Es war verrückt – und hätte es mich dort erwischt, hätte nie jemand herausgefunden, was zum Teufel ich in der Todeszone zu suchen gehabt hatte.

 

Während dieser paar Schritte hinein und nach dem Blumenpflücken wieder heraus – rückwärts in meine eigenen Fußstapfen tretend –, während dieser paar Sekunden spürte ich das Leben in einer selten gekannten Intensität.

 

Lohn der Angst

Wie Heidi auf meine Erklärung reagierte? Nun – nicht so, wie man es eigentlich erwarten dürfte, wenn man bereit war sein Leben zu geben, um zu zeigen, wie sehr man jemanden liebt. Sie fiel mir nicht um den Hals, weil ihre Knie zu Butter wurden oder zerfloss in Tränen der Rührung, weil fortan all ihre Freundinnen sie um diesen kaum noch topbaren Akt der Romantik beneiden würden.

 

Wenn ich es recht betrachte, war sie nicht einmal beeindruckt. Sie sah mich nur an und sagte „Aha“, so wie man „Aha“ sagt, wenn man danach: „Sachen gibt’s“, sagt, nur dass nicht einmal das mehr von ihr kam. Möglicherweise wusste sie nicht, wie sie reagieren sollte oder sie wollte die Zeit bis zum Abschied überbrücken, ohne verdächtig zu wirken, so wie man es in Gegenwart von durchgeknallten Irren eben macht, die man nicht provozieren will.

 

Mit anderen Worten: Ich kam nie mit Heidi zusammen. Wen wundert‘s? Ich meine, wenn sie Blumen aus einem Minenfeld nicht beeindrucken – Herrgott noch einmal, was hätte ich da sonst auf die Beine stellen sollen? Eine Flagge mit ihrem Foto auf einem Meteoriten hissen? Wer weiß, vielleicht hätte sie dann so etwas gesagt wie „Schön“, oder „Da hast du aber Glück mit dem Wetter gehabt“. Versteh einer die Frauen.

 

Banal-Romantik als Maßstab?

Möglicherweise sehe ich das ja grundsätzlich falsch. Möglicherweise ist das kleine Ungewöhnliche, das von Frauen als romantisch empfunden wird, genau das richtige Maß für Romantik und vielleicht wirkt jeder darüber hinaus gehende Wunsch nur so lange attraktiv, so lange er nicht erfüllt wird. Vielleicht würde selbst ein strahlender Prinz auf einem schimmernden Ross zu einer unheimlichen Erscheinung, wenn er tatsächlich zu jener Frau käme, die ihn herbeigesehnt hat?

 

Das zumindest wünscht sich ein einstmals wagemutiger Soldat, der in einem Minenfeld Blumen gepflückt hat.

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Kommentare: 2
  • #1

    Sigrun (Freitag, 25 April 2014 22:31)

    Ooooh wie romantisch!
    Aber anscheinend hättest du hier tatsächlich dein damals so junges Leben geradezu verschwenderisch einer Unwürdigen geopfert!
    Grotesk allein die Vorstellung: ich renn dann mal ins Mienenfeld Blumen pflücken. Vielleicht auch noch KLATSCHmohn oder Engelsglockenblumen, das wärs gewesen!
    Aber wir Zingerles neigen eben zu Übertreibungen :)
    Zum Glück hattest du in dem Moment mehr Glück als .. naja du weißt schon ;)

    Liebe Grüße,
    dein Schwesterlein

  • #2

    Friederike Steiner (Freitag, 25 April 2014 23:25)

    Die Liebe, diese geheimnisvolle Dame, ist nun einmal nicht käuflich, auch nicht um den Preis eines in Gefahr gebrachten Lebens. So ist das nun einmal. Romantik ist anders. Aber darüber könnte wahrscheinlich die Ehefrau nette Episoden erzählen. Man sollte sie einmal fragen..