Nachts im Urwald

Die Arbeit an den Urwaldmemoiren meiner Tante hat viele Erinnerungen in mir wachgerufen, zum Beispiel die an meine erste Nacht im Dschungel. Ich war Anfang zwanzig und auf meiner ersten Peru-Reise. Meine Tante lebte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr im Flussdorf, weshalb sie mich weiterreichte, um mir den Urwald nahe zu bringen. Ihre Freundin Gudrun Sperrer, eine ausgewanderte Oberösterreicherin, besaß damals ein Haus in einem Dorf am Nanay, einem Nebenfluss des Amazonas. Das Haus war eine für diese Dörfer typische Holzhütte: auf Pfählen stehend, mit getrockneten Palmblättern gedeckt, die Wohnebene ohne Wände und damit von außen einsehbar. Meine Schlafgelegenheit war eine Hängematte, die ich an den Dachbalken befestigte, geschützt nur durch ein darüber gespanntes Moskitonetz, welches je ein Loch an der Kopf- und an der Fußseite hatte, durch welche die Trageschnüre der Hängematte nach draußen führten.

 

Dass das Moskitonetz zu klein war, erkannte ich an dem satten „Ratsch“, mit dem die sich spannenden Trageschnüre die Ausgangslöcher im Netz weiteten, als ich mich schlafen legte. Es war stockdunkel, ich müde und außerdem gestand ich den Moskitos nicht genug Intelligenz zu, die somit entstandenen vielleicht fünfzehn Zentimeter großen Öffnungen zu finden. Meine Ignoranz sollte sich als Fehler erweisen.

 

Bedrohliche Geräusche

Der Urwald schläft nicht. Tag- und nachtaktive Tiere lösen einander mit den dämmerungsaktiven wie im Schichtbetrieb ab, so dass die Geräuschkulisse ständig wechselt. Somit hörte ich nun völlig andere Tiere als am Tag und zwar sehr viele völlig andere Tiere, es war ein regelrechtes Getöse. Manchem Schreien, Laubgeraschel und Ästebrechen nach zu urteilen waren da Exemplare von mindestens fünf, wenn nicht gar zehn Metern Körpergröße am Werk, mit Kampfgewichten von fünfhundert Kilogramm aufwärts. Als besonders bedrohlich empfand ich ein lautes, tiefkehliges „Woh!“, das periodisch wiederkehrte und dabei immer näher kam.

 

Wenn ich nun sage, die Szenerie wäre angsteinflößend gewesen, betreibe ich Schönfärberei. Vielmehr war es so, dass ich mich wie ein Achtzigkilo-Vorrat Frischfleisch fühlte, der sanft im Wind wiegend und nach Schweiß duftend zur freien Entnahme für hungrige Urwaldbestien aufgehängt war, fein verpackt in die durchschimmernde Gaze meines Moskitonetzes. Nach rund zehn Sekunden klappte ich mein Taschenmesser auf und steckte es neben mir in den Holzboden, griffbereit für den Augenblick, in dem es darauf ankommen würde. Dann versuchte ich zu schlafen.

 

Zwischen Traum und Wirklichkeit

Ich weiß nicht mehr, wie lange es dauerte, doch irgendwann dämmerte ich weg. Es war diese Art Schlaf mit einem wachen Auge, in dem sich Elemente der Wirklichkeit mit denen des Traumes mischen. Eines der eindringlichsten Elemente der Wirklichkeit war das wiederholte Rascheln im Dach über mir. Gudrun hatte mir am Nachmittag erzählt, dass in einem Baum direkt neben der Hütte ein Tarantelnest sei, dass aber auch immer wieder Vogelspinnen vorbei kämen; beides nachtaktive Tiere. Folglich war ich von dem Rascheln über mir nicht sehr erbaut – und noch viel weniger von der leichten Vibration, die mich wenig später vollends wach werden ließ und die von der fußseitigen Trageschnur meiner Hängematte her kam. In meinem Halbschlaf tauchte eine große, haarige, schwarze Vogelspinne auf, die sich mit ihren viel zu vielen Beinen auf das fünfzehn Zentimeter große Rissloch in meinem Moskitonetz zuhangelte.

 

Und noch während meine Sinne hochfuhren, die Riesenspinne irgendwo in meinem Halbbewusstsein herumzappelte und mein Gehirn den Befehl an meine Beine aussandte, sich zurückzuziehen, war es auch schon zu spät: meine beiden großen Zehen wurden gepackt.

 

Turbulente Nachtgestaltung

Von zwei winzigen Händen. Noch ehe ich wusste, wie mir geschah, war ein zwölf Zentimeter großes Nachtäffchen auf mich gesprungen, turnte in buchstäblich affenartiger Geschwindigkeit über mich hinweg und verließ meine Hängematte durch den Riss über meinem Kopf, nicht ohne mir als Abschiedsgruß ins Genick gekackt zu haben.

 

Die darauffolgende halbe Stunde verging mit einer hysterischen Treibjagd im Taschenlampenlicht, bei der der Affe darauf bedacht war, mich einerseits nahe genug an sich heranzulassen, um meine Hoffnung, ihn erwischen zu können am Lodern zu halten, andererseits genug Vorsprung zu haben, um nicht tatsächlich erwischt zu werden. Auch Gudruns Hund beteiligte sich an der Hatz, sehr zum Missfallen seines erwachten Frauchens, das von dem dabei veranstalteten Lärm not amused war. Gemeinsam deckten wir die Löcher im Moskitonetz mit einer Hose und einem T-Shirt ab. Dadurch verlief die restliche Nacht affenfrei, dennoch will mir das Wort „Nachtruhe“ in diesem Zusammenhang nicht als passend erscheinen.

 

Gudrun Sperrer lebt nach wie vor in Iquitos und Umgebung. Vor Jahren gründete sie ein Reservat für verwaiste Wildtiere mit dem Namen „Pilpintuwasi“, das inzwischen die Ausmaße eines kleinen Zoos angenommen hat. Hier bietet sie Führungen an und züchtet auch Schmetterlinge.

 

Die Urwaldmemoiren meiner Tante sind unter dem Titel „Amazonasgeschichten“ mittlerweile als E-Book erschienen.

 

 

Mehr zu Gudrun Sperrer und Pilpintuwasi finden Sie unter. „Pilpintuwasi“ Facebook-Gruppe mit vielen Fotos

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 7
  • #1

    Herbhert Jesenko (Dienstag, 08 April 2014 10:19)

    Lässig

    Jesse

  • #2

    Kelsie Hermanson (Freitag, 03 Februar 2017 16:20)


    Do you have a spam problem on this site; I also am a blogger, and I was wondering your situation; many of us have created some nice methods and we are looking to swap solutions with others, please shoot me an e-mail if interested.

  • #3

    Susie Tenaglia (Sonntag, 05 Februar 2017 12:35)


    Excellent article. Keep posting such kind of information on your blog. Im really impressed by it.
    Hey there, You've performed a fantastic job. I'll certainly digg it and in my view suggest to my friends. I am sure they will be benefited from this site.

  • #4

    Teofila Needleman (Sonntag, 05 Februar 2017 16:51)


    This is my first time go to see at here and i am in fact impressed to read all at one place.

  • #5

    August Duke (Montag, 06 Februar 2017 02:20)


    No matter if some one searches for his essential thing, therefore he/she wishes to be available that in detail, therefore that thing is maintained over here.

  • #6

    Susie Tenaglia (Montag, 06 Februar 2017 12:51)


    Hi would you mind stating which blog platform you're using? I'm going to start my own blog in the near future but I'm having a difficult time selecting between BlogEngine/Wordpress/B2evolution and Drupal. The reason I ask is because your design and style seems different then most blogs and I'm looking for something completely unique. P.S Apologies for being off-topic but I had to ask!

  • #7

    Lee Dowless (Dienstag, 07 Februar 2017 02:39)


    Heya! I'm at work browsing your blog from my new apple iphone! Just wanted to say I love reading your blog and look forward to all your posts! Keep up the excellent work!