Buchmesse barrierefrei

 

Als ich auf das Messegelände zu hinke, knickt mir das gesunde Bein ein. Der Schmerz in den Handballen, auf denen mein gesamtes Körpergewicht bei jedem Überheben auf den Krücken lastet, hat meine Aufmerksamkeit vollends auf sich gebündelt und so habe ich nicht bemerkt, dass das gesunde Bein müde wird. Ich lege eine Pause ein, die zweite, seit ich aus der Straßenbahn gestiegen bin und das ist gerade einmal fünfzig Meter her. Welcher Teufel hat mich geritten, dass ich trotz meines Zustands nach Leipzig gefahren bin?

 

Die Vorfreude wahrscheinlich. Seit Wochen, nein, seit Monaten freue ich mich auf die Buchmesse, habe hier Termine organisiert und mir ein Programm zusammengestellt. Bahnfahrt und Hotel sind seit Jahresbeginn gebucht – zu den schlechtesten Stornobedingungen, weil das günstiger war und ich ohnehin nicht vorhatte, meine Pläne zu ändern. Bis das Schicksal sie geändert hat, wenige Tage vor Abreise.

 

Jedenfalls stehe ich jetzt hier, vor einem langen Wasserbecken, hinter dem sich der Haupttrakt des Messezentrums erhebt wie ein gigantischer Tunnel aus Stahl und Glas, der durch einen unsichtbaren Berg führt. Ich schüttle die Hände aus, massiere die Handballen und mache mich auf, die nächsten dreißig oder vierzig Meter zu überbrücken. Bei dieser Fortbewegungsart müssen Entfernungen neu bewertet werden, ebenso wie die eigene Geschwindigkeit. Eile ist keine Option.

 

Gleich in den ersten Tage nach meinem Unfall habe ich wichtige Lektionen gelernt. Zum Beispiel, dass eine einzige Krücke nicht ausreicht, um einen Fuß zu ersetzen. Zwei Krücken bedeuten jedoch, dass für alltägliche Verrichtungen keine Hand mehr frei ist. Alles, was nicht in einem Rucksack transportiert werden kann – etwa ein Glas Wasser – kann überhaupt nicht transportiert werden. Somit hatten mir die Umstände die Wahl des passenden Reisegepäcks aufgezwungen: einen Rucksack.

 

Meine Oberkörpermuskulatur stellte sich schneller auf die geänderte Situation ein, als ich erwartet hatte, nicht jedoch mein Gleichgewichtssinn. Das musste ich bei der Anreise im Zug feststellen, wo mich, so lange ich stand, jedes unvorhergesehene Schaukeln willkürlich hin und her warf.

 

Im Messefoyer angekommen, humple ich zum Informationsschalter, wo ein Rollstuhl für mich bereitsteht; eine Metapher für freie Hände und einen ganztägigen Sitzplatz. Die Handhabung des Geräts ist einfacher als befürchtet. Gut, die Perspektive aus der Sitzposition ist gewöhnungsbedürftig, die Drehkreuze am Messeeingang sind Teufelswerk und mir drohen schon die Arme abzufallen, noch bevor ich in der ersten Halle angekommen bin, aber dafür sind das gesunde Bein und die Handballen entlastet und die anderen Messebesucher entgegenkommend. Sie haben Mitleid mit mir, weil ich eine Gehhilfe benötige und deshalb in ihren Augen behindert bin – ungeachtet der wahren Umstände.

 

Mehr als Mitleid gibt’s aber nicht. Jede Rücksichtnahme meinerseits wird als selbstverständlich empfunden, entspricht der natürlichen Ordnung, nach der sich der Schwächere unterzuordnen hat. Dieses Verhalten ist aber nicht arrogant, sondern instinktiv, ebenso wie ein anderes Phänomen, das mich beim ersten Erleben vor Erstaunen sprachlos werden lässt: Als ich in der Warteschlange an einer Kaffee-Bar an der Reihe bin, bestellt die Dame hinter mir über meinen Kopf hinweg – und wird anstandslos bedient! Danach tut es ihr der nächste Kunde gleich und so weiter. Als keiner mehr hinter mir ist, verschränkt die Barangestellte die Arme und sieht gelangweilt auf die Uhr.

 

Ich erkenne erst später, dass ich nicht mit Absicht ignorieren werde, es ist einfach so, dass man mich nicht mehr wahrnimmt, sobald mein Rollstuhl zum Stillstand kommt. Da scheine ich mich von einem Augenblick zum nächsten in ein Möbelstück zu verwandeln, das da irgendwie im Weg herumsteht. Sowie ich mich wieder in Bewegung setze, scheint dieser Zauber gebrochen und ich bin wieder ein Mitmensch, auf den auch im dichten Gedränge Rücksicht genommen wird.

 

Gestern, als ich nach dreizehnstündiger Bahnfahrt und einigen anstrengenden Wegen mit zehn Kilo Rückengepäck auf Krücken endlich mein Hotel erreicht hatte, hielt ich im Fahrstuhl schwer erschöpft inne. Ein anderer Hotelgast stieg zu und musterte mich.

 

Er: „Was is passiert?"

 

Ich: „Sehenenriss."

 

Er: „Beim Schilaufen?"

 

Ich: „Beim Treppensteigen."

 

Er: „Nüchtern?"

 

Ich: „Leider."

 

Als ich eine Minute später durch die Tür meines Hotelzimmers stolperte und dabei fast zu Boden ging, wirkte ich wohl weniger nüchtern. Türen mit Federschließmechanismus sind des Satans – ebenso wie ein Handtuch auf einem Fliesenboden, wie ich später im Badezimmer feststellen musste.

 

Auf der Messe stellt mich die Begegnung mit einem anderen Rollstuhlfahrer vor eine weitere unbekannte Situation. Wie verhalte ich mich ihm gegenüber korrekt? Soll ich ihn grüßen, etwa so, wie Motorradfahrer es untereinander tun: „Hi, Guy"? Aber schon mein Versuch, Blickkontakt mit ihm aufzunehmen, führt zu einer eindeutigen Reaktion: Ignoranz. Auf dieser Ebene gibt es keinen Club, keine Leidensgenossen, es gibt nur Gleiche unter Gleichen.

 

Ich kann auf der Leipziger Buchmesse alles erledigen, was ich mir vorgenommen habe. Die Heimfahrt wird zu einem echten Abenteuer, da ich mehrmals umsteigen muss, die Anschlusszüge verdammt zeitnah abgehen und die Fahrstühle grundsätzlich am anderen Ende der Bahnsteige zu liegen scheinen. Am Münchner Hauptbahnhof führt mich eine Dame vom Malteser Bundesfreiwilligendienst – dem ich an dieser Stelle aus ganzem Herzen danken möchte – mit dem Rollstuhl so rasant zum Bahnsteig meines nächsten Zuges, dass mir angst und bang wird. Doch nur so kriege ich den Anschluss. Am Salzburger Hauptbahnhof habe ich weniger Glück, denn hier verengt die Verspätung meines Zuges mein Zeitfenster und es gibt keine Transporthilfe. Da es schlussendlich um Sekunden geht, habe ich keine Zeit mehr, einen Fahrstuhl zu suchen und haste die Treppe zu meinem Bahnsteig hinauf. In der Eile stolpere ich, stürze und eine meiner Krücken klappert die Stufen zurück hinunter. Ich humple ihr nach, schnappe sie und haste nach oben – und kriege den Zug tatsächlich im allerletzten Augenblick.

 

Als ich zuhause ankomme, bin ich buchstäblich am Ende meiner Kräfte.

 

Meine Leipzigreise war ein anstrengender Ausflug in eine mir bislang fremde Lebenswelt. Für mich interessant – allerdings nur, weil ich weiß, dass diese Zeit begrenzt ist; sie wird vorüber sein, sobald mein Sprunggelenk ausgeheilt ist. Jene Damen und Herren hingegen, die ihr Leben lang auf Gehhilfen angewiesen sind, werden ihren Alltag wohl kaum als interessant empfinden. Sie haben mein tiefempfundenes Mitgefühl, selbst wenn ich weiß, dass sie dieses nicht wollen.

 

Einige Fotos von meinem Ausflug in die Welt der Menschen mit Behinderung gibst auf meinem Facebook-Profil:

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Kommentare: 1
  • #1

    Brigitte Kalama (Dienstag, 01 April 2014 21:23)

    Bin gerade auf dieses video gestossen. Es ist einzigartig wenn Menschen mit ihrer Behinderung ein neues Leben schaffen.
    http://www.wimp.com/salsapartner/