... bin wieder zurück!

Roland Zingerle
Roland Zingerle

Mein Kreativ-Jahr ist zwar noch nicht ganz um, aber ich bin schon entspannt genug, um wieder ins Alltagsgeschehen einzusteigen.

 

Eines meiner derzeitigen Projekte betrifft den literarischen Nachlass meiner vor neun Jahren verstorbenen Tante Eva Zingerle, die auch meine Taufpatin war. Sie kam 1928 in Wolfsberg zur Welt und arbeitete in den 1950ern als Krankenschwester u. a. in einem Schweizer Kurhotel. Dort lernte sie die Frau eines deutschen Plantagen-Besitzers in Peru kennen, die sie abwarb und mit nach Südamerika nahm. In den darauffolgenden Jahren verdingte sich meine Tante als Pflegerin unter anderem in einem Altenheim in Lima, knüpfte wertvolle Kontakte und verwuchs immer mehr mit dem Land und seinen Leuten. In den 70ern kam sie nach Österreich zurück und arbeitete als Lehrerin und später als Oberin in diversen Krankenpflegeschulen in Tirol und Niederösterreich. Nach ihrer Pensionierung – Ende der 80er Jahre – übersiedelte sie einmal mehr nach Peru, lebte zunächst in Lima und später in Iquitos, einer Urwaldmetropole am Amazonas, die nur mit dem Schiff oder mit dem Flugzeug erreichbar ist.

In einem Urwalddorf namens Puerto Esperanza, fünf Bootsstunden von Iquitos entfernt am Rio Momon gelegen, errichtete sie eine Pfahlbau-Hütte und lebte hier fortan unter den Einheimischen. In dieser Zeit lernte sie viel über die Seele der peruanischen Urwaldbewohner, über deren Lebensweise und Mythen und natürlich auch über den Regenwald selbst. Rund zwei Jahren später kehrte sie nach Iquitos zurück und baute auch hier ein Haus, diesmal mit Ziegeln und Mörtel.Das Geld für den Bau verdiente sie zunächst mit einem Souvenirladen am Flughafen und später mit einem Einzelhandelsgeschäft. Ab den späten 1990ern war meine Tante österreichische Honorarkonsulin für den peruanischen Verwaltungsbezirk Loreto und erhielt für diese Tätigkeit 2004 den großen Verdienstorden der Republik Österreich verliehen. Ein Jahr später starb sie an Organversagen.

 

 

Ihr literarischer Nachlass besteht aus Anekdoten über ihre Zeit im Urwalddorf und in Iquitos und stellt den Kulturschock in den Mittelpunkt, der eine Mitteleuropäerin ereilt, die im Urwald leben will: Als Österreicherin, die während und nach dem Zweiten Weltkrieg aufgewachsen war, hatte sie gelernt, mit dem Mangel an allem umzugehen und mit nur saisonal verfügbaren Lebensmitteln hauszuhalten. Die indianisch geprägte Urwaldbevölkerung profitiert hingegen von ganzjährigen Ernten und Temperaturen, die nur selten auf unter 20 °C absinken. Während sie ihr Leben lang gearbeitet hatte, um sich einen gewissen Wohlstand zu schaffen, verrichten die Menschen im Regenwald nur die nötigsten Tätigkeiten, um sich zu ernähren und zu kleiden und häufen deshalb auch keine Besitztümer an. Darüber hinaus ist die Gesellschaftsordnung in den Flussdörfern fernab der Zivilisation streng patriarchal, während meine Tante den Großteil ihres Lebens alleine gelebt hatte und entsprechend resolut war. Mit anderen Worten: Beide Seiten waren nicht aufeinander vorbereitet.

 

 

Die Aufzeichnungen bestanden ursprünglich aus einer unzusammenhängenden Loseblatt-Sammlung, die zunächst in eine chronologische Reihenfolge gebracht werden musste. Außerdem wollte meine Tante einige der Anekdoten veröffentlichen, weshalb sie manche der handelnden Figuren umbenannte. Ich musste also zunächst alles sortieren und vereinheitlichen und glättete danach auch ein wenig den Stil. Siebzehn Jahre spanische Alltagssprache hatten nämlich ihre Spuren in der Art hinterlassen, wie die Autorin die deutsche Grammatik handhabte. Der gesamte Text hat nun eine Länge von etwa 430 Manuskriptseiten und ich habe vor, ihn innerhalb der nächsten paar Wochen als E-Book zu publizieren.

 

 

Das Projekt liegt mir deshalb besonders am Herzen, weil ich zeit meines Lebens eine enge Bindung zu meiner Taufpatin hatte und auch heute noch habe. Sie war eine außergewöhnlich starke Frau, trotz ihrer Kanten sehr herzlich und hat mich immer fasziniert und inspiriert. Meine Frau und ich bereisten mehrmals Peru, wobei Iquitos stets ein Fixpunkt war. Meine Tante brachte uns Land und Leute näher, durch sie lernten viele freundliche und interessante Menschen kennen. Auf diese Weise wurde die Stadt zu einer zweiten Heimat für uns: Wann immer wir wiederkamen, besuchten wir unsere Bekannten dort, gingen zu vertrauten Plätzen und lernten immer mehr von dieser faszinierenden Urwaldmetropole und ihrer wilden Umgebung kennen. Entsprechend schmerzhaft war es dann auch, kurz nach dem Tod der Tante hinzufliegen, den Nachlass zu regeln und ihr Grab zu besuchen, in dem sie so fernab all ihrer Verwandten ihre letzte Ruhe gefunden hat.

 

 

Liebe Abonnenten, ich freue mich, euch wieder unterhalten zu dürfen und melde mich in Kürze mit den letzten Neuigkeiten meines Tuns. Bitte empfehlt mich an Kontakte weiter, die meine Inhalte interessieren könnten. Bis bald und liebe Grüße aus der südlichsten Landeshauptstadt Österreichs!

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Kommentare: 2
  • #1

    Friedrich (Mittwoch, 12 März 2014 11:02)

    Das klingt spannend. :-)

  • #2

    Brigitte Kalama (Dienstag, 01 April 2014 19:28)

    Lieber Herr Zingerle,

    vielen Dank fuer ihre mail wo Sie ihr neues Projekt erlaeutern. Ihre Tante hatte ein wahrlich interessantes Leben. Ich frage mich manchmal ob mein Vater einflussreich war auf ihre Entscheidung in Iquitos zu leben.

    Ihre Observation ueber die Deutschkenntnisse die sich mit dem Aufenthalt in einem fremden Land und der taegliche Umgang mit einer anderen Sprache veraendern sind sehr zutreffend und auch amuesant. Ich bemerke das auch mit meiner Sprache denn meine Grammatik ist auch nicht mehr aktuell. Aber die Sprachkenntnisse reichen noch aus fuer ein Gespraech.

    Ich wuerde gerne das Endresultat Ihrer Recherchen lesen. Die Region des Amazonas in der ihre Tante wohnte ist bis heute faszinierend. Sie kennen ja auch Iquitos und die Menschen dort.

    Herzliche Gruesse aus Kalifornien.
    Brigitte Kalama