Ich seh‘ etwas, das du nicht siehst

Kurt hatte Recht behalten. Aber anders, als er glaubte.

„Ich bin ihnen auf die Schliche gekommen, Herr Schriftsteller“, sagte er mit einem diabolischen, leicht irren Grinsen, als ich ihn heute in der Psychiatrie besuchte. „Deshalb haben sie mich weggesperrt. Das tun die immer so!“

Ich brauchte nicht nachzufragen, denn ich wusste, was er meinte. Dass es ungefähr so kommen würde, war mir schon klar gewesen, als ich ihn gestern in der Stadt angetroffen hatte.

 

Begonnen hatte alles gestern Morgen. Kurt hatte mit seinem Taxi ein paar Fahrten, die meiste Zeit wartete er jedoch am Klagenfurter Hauptbahnhof. Diese Mischung aus kurzen Fahr- und langen Stehzeiten ist nie gut für Kurt, denn Beobachtungen während der Tour bringen ihn auf krause Ideen, über die er während der Wartezeiten nachdenkt. Und wenn Kurt nachdenkt, kommt grundsätzlich nichts Vernünftiges dabei heraus – so wie bei jeder Tätigkeit, für die man weder die geeigneten Fähigkeiten noch das passende Werkzeug besitzt.

Diesmal waren es spielende Kinder, die Kurt an einer roten Ampel beobachtete, die ihm einen Spruch ins Gehirn pflanzten, welcher dort Wurzeln schlug: „Ich seh‘ etwas, das du nicht siehst!“

Kurt münzte diesen Spruch auf sich um und dachte nach: Wer sah etwas, das er nicht sah? Die Taxizentrale etwa wusste immer, wo er war. Woher eigentlich? Ein Blick auf sein Navigationsgerät brachte die Antwort. Und hatte er nicht einmal im Radio etwas von Handy-Ortung gehört? Er besaß ein Handy! Die Technik überwachte ihn, folglich sahen ihn Menschen, die er nicht sah, Menschen, die an den Schalthebeln der Technik saßen. Kurt dachte weiter nach …

 

Am Nachmittag lief er mir dann am Neuen Platz über den Weg.

„Was schaust du so blöd?!“, fuhr er soeben einen Passanten an, welcher daraufhin vor Schreck anderthalb Meter auf Distanz hüpfte. Als er mich entdeckte, rief Kurt: „Herr Schriftsteller“ und eilte auf mich zu. Seine Bewegungen waren unstet, seine Augen zuckten umher, sein Atem ging flach, schnell und laut. Er kam mir unangenehm nahe und blickte sich verstohlen um, ehe er leise zu sprechen begann:

„Sie überwachen mich! Sehen Sie?“ Er wies hinter sich und meinte damit wohl die restliche Welt. „Es ist mir erst heute aufgefallen!“

Ich bemühte mich, meiner Stimme einen ruhigen Tonfall zu geben, als ich ihn fragte, was denn vorgefallen sei und er erzählte mir die Vorgeschichte.

„Als ich nach meiner Schicht im Supermarkt war“, endigte er, „nannten mich alle beim Namen!“

„Der Supermarkt befindet sich gegenüber Ihrem Wohnblock“, erinnerte ich ihn. „Sie gehen dort seit Jahren regelmäßig einkaufen.“

„Richtig“, erwiderte er, „die wissen alles über mich, sogar die Marke meines Klopapiers! Ich hingegen weiß nicht einmal, ob Resi noch mit Tommy zusammen ist, oder ob sich Angelika jetzt das Rallye-Lenkrad für ihren Golf gekauft hat oder nicht!“

„Wer sind die Leute?“, fragte ich irritiert und bekam die ungeduldige Antwort:

„Na, die Kassiererin und die Lageristin, wer sonst?“

„Sehen Sie? Sie wissen doch auch intime Details über diese Frauen.“

„Ach was, intime Details“, polterte er heftig gestikulierend. „Das weiß doch jeder!“

Ich wollte widersprechen, immerhin war ich das lebende Gegenbeispiel für seine Aussage, doch er plapperte schon weiter, wobei seine Stimme immer mehr anschwoll und seine Augen irre umher rollten:

„Es ist so, wie ich sage! Die sehen, was ich tue, ohne dass ich sie dabei sehe – und zwar alle! Schauen Sie nur“, wieder zeigte er auf die Welt hinter sich. „Alle! Alle starren mich an!“

Er hatte Recht, denn durch sein Geschrei erweckte er die Aufmerksamkeit aller in Hörweite. Noch ehe ich etwas erwidern konnte, lief er davon – in einem Zickzack-Kurs, der verriet, dass er nicht wirklich ein Ziel vor Augen hatte.

 

Wie es dann weitergegangen war erfuhr ich, als ich ihn heute in der Psychiatrie besuchte. Wenige Minuten nach unserem Treffen am Neuen Platz war Kurt vollends durchgedreht: Eine besorgte Passantin hatte ihn gefragt, ob er Hilfe brauchte, was Kurt in seiner Paranoia als Vorwand dafür interpretierte, dass er abgeführt werden sollte. Also schrie und zappelte er aus Leibeskräften, um sich dagegen zu wehren – bis er folgerichtig genau deshalb abgeführt wurde.

Mein Versuch, ihm Mut zuzusprechen verhallte ungehört; Kurt war sich sicher, man würde ihn nie mehr aus dieser Anstalt entlassen.

Als ich die Psychiatrie verließ, lachte ich spontan auf und schüttelte den Kopf, denn trotz allem hatte er mit seinem „ich seh‘ etwas, das du nicht siehst“ Recht behalten: Jeder sah, dass Kurt sich wieder einmal verrannt und dabei jedes Maß verloren hatte. Doch er sah das nicht.

 

 

 

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