Grillen um jeden Preis

Als ich vorgestern Kurts Grillparty verließ, war mir klar, er würde nicht damit aufhören, etwas ganz Dummes zu tun. Dass es, wie ich gestern hörte, doch nicht so schlimm kam, beruhigte mich ungemein. Kurt ist nicht mehr der Jüngste und er sollte sich nicht mehr so in alles hineinsteigern, aber ich greife vor.

Seit zwei Monaten schon wollte Kurt eine Grillparty veranstalten, die alle Stücke spielen sollte. Doch leider spielte das Wetter ein ganz eigenes Konzert und so hatten wir entweder Dauerregen oder anhaltend sengende Hitze in Klagenfurt am Wörthersee, was Kurts Planung regelmäßig über den Haufen warf.

Vor etwa zwei Wochen nahm er sich frustriert eine Stunde Auszeit vom Taxifahren, die er in einem Literaturcafé verbrachte, wo er trübe in einer Tasse dunklen Kaffees rührte.

Das klingt jetzt so niveauvoll – „Literaturcafé“. In Wahrheit hatte Kurt einen Kaffee gebraucht und dieses Kaffeehaus war gerade zufällig dort, wo auch er war.

Kurts Zugang zur Literatur beschränkt sich darauf, dass er irgendwo einen Spruch aufschnappt, diesen so uminterpretiert, dass er in sein Weltbild passt und dann die daraus folgende Konsequenz so beinhart durchzieht, dass er dabei regelmäßig zu Schaden kommt.

Insofern war es wohl das Schicksal, das ihn in dieses Literaturcafé geschickt hatte. Denn während er mit sich selbst Mitleid hatte, weil er kein Grillfest zustande brachte, blätterten seine Finger in dem Büchlein, das auf seinem Tisch lag; Schillers Drama „Wilhelm Tell.“ Und als Kurts Augen über eine der Seiten streiften, blieben sie an einem Satz hängen, der augenblicklich zu Kurts Programm wurde: „Der Starke ist am mächtigsten allein“.

Von da an war alles anders. Kurt würde seine Grillparty durchziehen, egal was kam! Er legte den Termin fest, schickte Einladungen aus, organisierte Fleisch, Salate, Soßen und Getränke und lieh sich ein Partyzelt mit aufrollbaren Wänden. Sollte es heiß werden, würden seine Gäste im Schatten sitzen, sollte es regnen, würden sie geschützt sein. Darüber hinaus spielte Kurt in Gedanken die wildesten Szenarien durch, die einen Grillabend vermiesen konnten und rüstete sich gegen alle, von A wie „Ameisenattacke“ bis Z wie „Zeckeninvasion“.

Vorgestern am frühen Abend stand alles bereit, der Griller neben dem Zelt, das Bier im Schatten und er selbst als Koch gewordener Taxifahrer mit am Bauch ausgebeulter „küss den Koch“-Schürze.

Dass Gäste kamen, lag mitunter daran, dass diese auch ihre Verwandten und Bekannten mitbringen durften. Kurt selbst hat nicht so viele Freunde.

Sie dürfen das nicht falsch verstehen: Kurt ist kein unangenehmer Mensch, aber er ist anstrengend, mit einem Hang zur Lästigkeit. Auch ich brachte es nicht übers Herz, nicht hinzugehen.

Das Wetter schien sich vorerst tatsächlich von Kurts „der Starke ist am mächtigsten allein“-Credo beeindrucken zu lassen. Zwar zogen Wolken auf, doch die taten ganz gut nach diesem heißen Tag.

Einige der Gäste sahen heimlich auf ihre Uhren, ihre Gesichtsausdrucke spiegelten jedoch die Unfähigkeit wider, ein frühzeitiges Verlassen des Festes schlüssig zu begründen.

Als es zu regnen begann, rollte Kurt mit Überlegenheitsmiene die Wände des Zeltes herab und befestigte diese.

Er servierte Grillwürstchen, die gar nicht einmal so schlimm schwarz waren; der Geschmack des Angebrannten ließ sich ohne weiteres mit Grillsoße übertünchen.

Der Regen wurde intensiver, dazu kam ein kräftiger Wind auf.

Die ersten Gäste verabschiedeten sich. Ihnen war eingefallen, dass die Balkontür, ein Fenster oder Ähnliches zuhause offen standen.

Kurt pfiff beim Brutzeln im Freien ein fröhlich Lied und kam, als das Wetter zu arg wurde, mitsamt dem Griller in das Zelt herein, scherzend, dass er so etwas vorausgesehen und deshalb ein mobiles Bratgerät besorgt hätte. Im geschlossenen Zelt wurde die Luft nun rasch rauchig, doch das passte ganz gut zu den Koteletts, die Kurt nun austeilte. Außerdem riss der Wind bald eine der Zeltwände los und lüftete so die Party etwas durch, ehe Kurt ein bereitgelegtes Seil schnappte und die Wand provisorisch reparierte.

Damit konnte er jedoch nicht verhindern, dass sich weitere Gäste verabschiedeten, die sich für das überraschend schlechte Wetter leider falsch gekleidet hatten. Außerdem mussten einige von ihnen „morgen früh raus“.

Um es kurz zu machen: der Wind wurde noch stärker, das Provisorium hielt nicht, eine zweite Wand riss sich ebenfalls los und als auch noch Hagel einsetzte, war es wirklich niemandem mehr peinlich, die Party zu verlassen.

Ich ging als einer der Letzten, unbeachtet von Kurt, der sich verbittert in sich selbst zurückgezogen hatte, wie ein Fels am Griller stand und stur Frikadellen briet. Das Zelt über ihm hatte sich mittlerweile im Sturm aufgelöst und in seinem schweren Ölzeug, an dem der Regen herab rann und der Hagel abprallte, sah Kurt aus wie ein Nordseefischer, dem alles wurscht war, weil er eh jedes Wetter beim Vornamen kannte.

Ich rettete mich in mein Auto und warf einen letzten Blick auf den einsamen, sturmumpeitschten grimmigen Grillkoch im Dunkeln. Da war mir klar, dass Kurt gerade wieder etwas ganz Dummes tat.

Gott sei Dank war ihm dann aber weiter nichts passiert. Der Starke ist wohl doch am mächtigsten allein.

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Kerstin (Sonntag, 22 Juli 2012 22:09)

    scheint so als wäre kurt ein eingefleischter grillfan! ich habe vor kurzem einen shop für gillschürzen eröffnet - jemand wie kurt würde sich bestimmt darüber freuen :D
    www.grillwear-shop.de