Sonne im Hirn

Wenn Kurt normalerweise in der Psychiatrie landet, war er davor nicht im Krankenhaus und davor nicht am Wörthersee. Dass es diesmal dennoch so kam, lag – wer hätte es geglaubt? – an einem Spruch, der sich in Kurts Kopf eingenistet hatte.

 

Mitte Juni hatten sich die Regenwolken über Klagenfurt endlich verzogen und buchstäblich über Nacht war der Sommer angebrochen. Kurt, der mit seinem Taxi Nachtdienst hatte, schlug früh am Morgen am Hauptsteg des Wörthersee-Strandbades sein Handtuch auf. Dass sich auch viele junge Frauen einfanden, gefiel ihm sehr. Blöd nur, dass seine € 4,99-Sonnenbrille seine perlustrierenden Blicke nicht so kaschierte, wie er es gerne gehabt hätte. Abgesehen davon war sie nicht im Geringsten so cool, wie Kurt dachte. Das in Verbindung mit seinem leberkäse-gestylten Body und seiner über die Wintermonate beinahe durchsichtig gewordenen Haut, gab ihm das Aussehen eines gestrandeten, aber dennoch lüsternen Weißwals. Mit anderen Worten: Nur eine echt perverse Tierschützerin hätte ihn sexy gefunden!

Kurt dachte sich erotische Kurzgeschichten aus, die von ihm und dem jeweils vorbeischlendernden Mädel handelten. Überflüssig zu erwähnen, dass darin zwar moderate Perversionen, aber weder Wale noch Tierschutz eine Rolle spielten!

 

Gegen Mittag, als die Temperatur gerade die Dreißig-Grad-Marke überschritt und Kurt zu einer Art Rotwal mutiert war, sah er sie: Antlitz und Körperbau einer sonnengebräunten jungen Göttin, Haare, gewellt bis zur Hüfte und rot wie Glut. Und hätte nicht das alleine schon ausgereicht, um sie heiß, heiß, heiß aussehen zu lassen, bewegte sie sich auch noch auf so graziöse Weise, dass Kurts Blut instinktiv in seine Männlichkeit hinab brodelte.

Im darauffolgenden Tagtraum trug die Maid ein Krankenschwestern-Kostüm, welches kurz unter der Hüfte endete. Sie nützte Kurts Wehrlosigkeit – denn er mimte in diesem Traum einen Patienten – schamlos aus, um ihre sexuelle Gier an ihm zu stillen. Kurt schloss die Augen und genoss seine eingebildete Missbrauchung.

Als die Traum-Frau mit ihm fertig war, beugte sie sich über Kurt und küsste ihn. Er öffnete verträumt die Augen und erschrak beinahe zu Tode, denn anstelle der sinnlichen Lippen der Rothaarigen stülpte sich soeben ein fahl-milchiger, voluminöser Gummi-Rüssel auf seinen Mund. Es dauerte einige Zeit bis Kurt realisierte, dass er sich in einem Krankenwagen befand, umringt von Sanitätern.

Kurz bevor er das Bewusstsein wieder verlor, hörte er noch Wortfetzen wie „Hitzschlag“, „Kreislaufzusammenbruch“, „Dehydrierung“, „Übergewicht“ …

 

Wieder erwacht, befand er sich in einem Krankenzimmer. Sein Schädel dröhnte, seine Augen brannten und er hatte das Gefühl, in einem Karussell zu sitzen. Als der anwesende Arzt der Bewusstheit seines Patienten gewahr wurde, begann er mit einer Gardinenpredigt, in der er an Kurts Selbstverantwortung appellierte. Da „Selbstverantwortung“ ein Wort ist, das Kurt nicht einmal in einem Lexikon finden würde, vertrieb er sich die Redezeit des Arztes damit, sich im Zimmer ein wenig umzusehen. Akkurat als das Wort „Hautkrebs“ seinen Weg in Kurts Wahrnehmung fand, fiel sein Blick auf einen Wandkalender, auf dem der Spruch „Nichts währt ewig“ stand.

 

Während der darauffolgenden Nacht, die Kurt noch im Krankenhaus verbringen musste, spukte dieser Spruch unaufhörlich in seinem Kopf herum. „Nichts währt ewig“ – Kurt musste sich eingestehen, dass er in jüngerer Vergangenheit übertrieben oft mit seiner Sterblichkeit konfrontiert wurde. War das ein Zeichen? Immerhin konnte es jederzeit passieren, dass das Schicksal zuschlug und ausgerechnet ihn traf!

 

Tags darauf wurde er entlassen und war – gelinde gesagt – eingeschüchtert. Er ging am Aufnahmeschalter vorbei, wo ihn eine Pflegerin mit einem freundlichen „Auf Wiedersehen“ verabschiedete. Aus seinen Gedanken gerissen starrte Kurt sie an: eine Rothaarige! Sofort schreckte sein gestriger Tagtraum samt darauffolgendem Zusammenbruch in ihm hoch!

„Wiedersehen? Mich? Geile Botin des Todes!“, kreischte er und hastete davon.

Vor dem Krankenhaus blieb er stehen, unschlüssig, wohin er gehen sollte. Da ihm nicht auffiel, dass er an einer Bushaltestelle stand, war er völlig schockiert, als ein Autobus vor ihm hielt, die Türen öffnete und der Fahrer ihn einige Sekunden lang mit bohrendem Blick anstarrte, ehe er ihn ungehalten anschnauzte:

„Steig endlich ein!“

„Willst du mich umbringen?“, fragte Kurt gerade heraus, denn solche Themen erlauben keine Umschreibung.

„Wieso?“, fragte der Busfahrer irritiert zurück, „ich fahre diese Strecke schon ewig!“

„Bote des Todes!“, kreischte Kurt erneut, „nichts fährt ewig!“

 

Er beschloss, zunächst einmal nachhause zu gehen und dort – in maximal möglicher Sicherheit – darüber nachzudenken, wie es weitergehen sollte. Da er niemandem mehr vertraute ging er zu Fuß, musste sich dabei jedoch von Schatten zu Schatten retten, denn die Temperatur stand jener des Vortages um nichts nach und Kurts Kreislauf war noch geschwächt. Völlig ausgedörrt betrat er einen Supermarkt, um sich ein kaltes Getränk zu kaufen. Die Kassa-Frau, die ihn mit „guten Tag“ begrüßte, starrte er mit irrem Blick an.

„Guten Tag?“, fragte er zurück, „was soll an diesem Tag schon gut sein? In hundert Jahren sind wir alle tot! TOT!“

Er rannte auf die Straße, wo er sich so sorgfältig nach Gefahren umsah, dass er eine Radfahrerin nicht wahrnahm, welche nach einer Alarmbremsung wenige Zentimeter vor Kurt zum Stehen kam.

„Gnade!“, schrie Kurt und fiel vor der Frau auf die Knie. „Bitte, bitte, verschonen Sie mein Leben! Nur heute noch, bitte!“

Er schüttelte seine ineinander verkrallten Finger und senkte seinen Oberköper so weit auf den Asphalt, dass er bald als wimmerndes Häufchen Elend vor der Radfahrerin lag. Diese blickte peinlich berührt in die verhärteten Gesichter der Passanten, die sich, angelockt von Kurts Gnadengebettel, um sie scharten. Schließlich schritten zwei Polizisten ein, die Kurt als geistig verwirrt einstuften, da er nicht auf sie reagierte sondern monoton Gebete vor sich hin murmelte. Sie brachten ihn in die Psychiatrie.

 

Es ist nun einmal, wie es ist: Die Sonne sollte man im Herzen tragen, nicht im Hirn.

 

 

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