Mord, Aufklärung und eine Liebesgeschichte

Taxifahrer Kurt muss mindestens 500 Meter Abstand von Maria Voglar halten und hat dafür ein paar Zeilen für die Ewigkeit bekommen – aber der Reihe nach.

Ich war bass erstaunt, als Kurt mich anrief, denn sonst treffen wir uns immer nur zufällig. Dass er diesmal initiativ wurde, hatte jedoch einen guten Grund:

 

Ein Freund von ihm hatte einen Schlaganfall erlitten. Zwar war ihm nichts weiter passiert, doch Kurt – ebenfalls Ende dreißig und kein Verfechter einer gesunden Lebensweise – packte erstmals die nackte Angst vor einem so nicht eingeplanten Ableben. Und wie das bei ihm immer ist, stolperte er auch diesmal über einen Spruch, der ihn auf eine Idee brachte, die ihn in Teufels Küche führen würde: „Wer schreibt, der bleibt.“

 

„Du, Herr Schriftsteller“, meinte er am Telefon, „ich weiß eh, dass ich sterben werd, aber zumindest schreiben kann ich was, damit ich unsterblich bleib. Wie schreibt man denn einen Krimi?“

Ich erzählte ihm von Figurenentwicklung, Schauplatzentwurf, Handlungskonstruktion und vielem mehr, wurde aber dann durch sein Gähnen aus meiner Begeisterung geschleudert.

„Ich hab einen von deinen Kneipen-Krimis durchgeblättert“, machte er es kurz. „Da drin gibt’s ja eh nur Mord, Aufklärung und eine Liebesgeschichte.“ Mein Atemstocken missverstand Kurt als Aufforderung weiterzusprechen: „Ist soweit kein Problem: Schreiben hab ich eh in der Schule gelernt und die Handlung ergibt sich aus den Rescherschen. Das wird der beste Krimi seit Hubert Pogatschnigs Tod!“ So euphorisiert legte er auf, mich Maulaffen feilhaltend zurücklassend.

Danach geschah Folgendes:

 

Nach einigen Überlegungen machte sich Kurt klar, dass er, was Morde anlangte, ohnehin ein Experte war: Er hatte sicherlich schon mehr Morde im Fernsehen gesehen, als Stunden in seinem Taxi zugebracht, was bedeutete, dass er sich bei Morden besser auskannte als beim Taxifahren.

In punkto Aufklärungsarbeit wollte er von den Spezialisten lernen, weshalb er mit seinem Taxi ein Polizeiauto verfolgte. Er hegte dabei die Hoffnung, dieses würde zu einem Verbrechen gerufen, bei dem Kurt die Polizisten dann beim Amtshandeln beobachten könnte. Das konnte er dann auch – und zwar aus erster Hand, denn er selbst war es, gegen den geamtshandelt wurde: Die beiden Polizeibeamten hatten schnell bemerkt, dass sie verfolgt wurden, vor allem, da Kurt in den Ampelrotphasen seine Beobachtungen auf einem Notizblock am Lenkrad protokolliert hatte.

Die Vernehmung war schnell vorbei: Hielten ihn die Polizisten zunächst für einen Kriminellen, der ihre Patrouillengewohnheiten observierte, zeigte ihnen Kurts Konter, einem Schriftsteller dürfe das Beobachten nicht verboten werden und „wer schreibt, der bleibt“, was für einen Typ Mensch sie vor sich hatten. Nach Aufnahme seiner Personalien ließen sie ihn ziehen.

 

Zu einem vollständigen Krimi fehlte Kurt nun noch eine Liebesgeschichte. Dazu beschattete er zwei liebende Teenager, die händchenhaltend durch die frühlingswarme Innenstadt schlenderten. Kurt tarnte seine Verfolgung durch vorgetäuschtes Interesse an Schaufenstern, setzte sich bei einem Cafébesuch der beiden an einen nahen Tisch oder tat so, als würde er stehend die Sonne genießen, wenn sich sonst keine optische Ausrede bot.

So brachte er in Erfahrung, dass das Mädchen in seinem Elternhaus am Viktringer Ring wohnte und „Voglar“ hieß. Im Vorgarten des Hauses befanden sich einige Büsche, die Kurt Sichtschutz gewährten. Von hier aus beobachtete er von nun an das Mädchen, wann immer seine Arbeitszeit es ihm erlaubte. Nach etwa einer Woche wusste er, wann der Freund die Tochter des Hauses besuchen würde und erwartete dessen Ankunft in seinem Versteck. Sie hieß Maria, er Markus, soviel hatte Kurt mittlerweile ausspionieren können. Nicht ausspioniert hatte er jedoch den Hintereingang des Hauses, durch den nun Marias Vater in den Garten kam und Kurt hinter einem Busch hockend und fieberhaft in einem Notizblock kritzelnd entdeckte.

„Was tun Sie in meinem Garten?“, herrschte Herr Voglar ihn an.

Kurt lief erschrocken davon, prallte an der Gartentür aber mit Markus zusammen, der hier gerade hereinkam. Während Voglar Kurt mit eisernem Griff festhielt, überflog Markus Kurts Notizen, wobei sein Gesicht röter und röter wurde. Schließlich konnte er nicht mehr anders, als seine Gefühle an Kurt taktil zum Ausdruck zu bringen.

Von dem Tumult alarmiert, erschienen nun auch Mutter und Tochter Voglar im Vorgarten, die beide Kurt erkannten:

„Der läuft mir seit Tagen immer wieder über den Weg“, berichtete Maria und Frau Voglar setzte drauf:

„Und ich sehe ihn immer vor unserem Haus herumhängen!“

„Ich bin Schriftsteller“, versuchte Kurt, sich zwischen Markus’ Schlägen zu erklären, „und Ihre Tochter inspiriert mich. Wer schreibt, der bleibt!“

„… aber nicht in meinem Garten“, konterte Herr Voglar und tippte die Nummer des Polizeinotrufs in sein Handy.

 

Am Tag danach sah der Untersuchungsrichter Kurt mit einem ganz eigenen Blick an. Er hatte sich die Schilderungen von Familie Voglar und Markus angehört sowie den Bericht der zwei Polizisten, denen Kurt gefolgt war. Damit konfrontiert hatte Kurt auf sein schriftstellerisches Recht zum „Rescherschieren“ gepocht, da es hier um höhere Interessen ginge. Denn dass Geschriebenes bis in alle Ewigkeit bestehen bliebe, wisse jeder, der den Spruch kennt: „Wer schreibt, der bleibt.“

Der U-Richter verfügte, dass Kurt für die Observierung der Polizeistreife mit einer Ermahnung wegen groben Unfugs davonkommen sollte, allerdings musste er von nun an mindestens 500 Meter Abstand von Maria Voglar halten. Damit er sich all das auch gut merkte, verhängte der U-Richter noch zusätzlich eine saftige Geldstrafe über ihn und indem er sein Urteil unterzeichnete, sagte er zu Kurt:

„Sie wollen etwas für die Ewigkeit? Bittesehr! Denn das, was ich unterschreib’“ – und dabei klatschte er einen Stempel auf das Papier – „das bleibt!“

 

Auch wenn nichts aus dem "besten Krimi seit Pogatschnigs Tod" wurde: Kurt hat wieder einmal Recht behalten!

 

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