Der (gesunde) Geist von Ostern

Die Fastenzeit begann in diesem Jahr erst am Dienstag nach Ostern. Zumindest für Kurt. Dabei hätte er sich eine Menge ersparen können, wäre er zum Arzt gegangen.

„Weißt du, Herr Schriftsteller“, hatte er mir schon Ende Jänner verraten, „ich weiß eh, dass ich zu fett bin und zu viel Bier trinke und so weiter. Aber ich trau mich nicht zum Arzt gehen.“

Nach seiner Untersuchung im Vorjahr hatte sich Kurt nämlich nicht an die ärztlichen Empfehlungen gehalten, dann seine Neujahrsvorsätze gebrochen und wollte nun gar nicht wissen, mit welcher Wucht seine Cholesterin- und Leberwerte die Decke sprengten, denn dass sie sie sprengten stand außer Zweifel.

Und da war noch etwas. Bei besagter Untersuchung hatte Kurts Arzt ihm folgenden motivierenden Spruch mitgegeben: „Ein gesunder Geist lebt in einem gesunden Körper.“

Wie wir wissen, ist Kurt sehr anfällig für alle möglichen und unmöglichen Lebensweisheiten, weshalb ihm dieser Satz auch nicht mehr aus dem Kopf ging. Die Warnung, die er zu enthalten schien, verstärkte sich gegen Ostern hin unverhältnismäßig, ebenso wie Kurts schlechtes Gewissen.

 

Dazu muss ich erklären, dass Ostern bei uns in Kärnten ausgesprochen opulent gefeiert wird. Neben den Brauchtumsaktivitäten wickeln wir Verwandtenbesuche ab und essen drei Tage lang nichts anderes als die weithin berühmte Osterjause. Es ist eine Orgie aus Eiweiß, Fett und durchaus auch Alkohol, auf die wir uns schon die ganze Fastenzeit über freuen und für die wir gerne vorübergehend unser Wohlbefinden opfern.

 

So war es auch kein Wunder, dass Kurt sich so richtig schlecht fühlte, als er am Abend des Ostermontags an einer Wirtshaustheke in der Klagenfurter Innenstadt stand: Er fürchtete um seinen gesunden Geist.

 

Am vergangenen Samstag hatte er bei seinen Eltern gevöllert. Wie immer hatte seine Mutter darauf geachtet, dass sowohl Osterschinken als auch Rindszunge und Würste besonders fett und gut geselcht waren; sein Vater trug wie immer Sorge, dass Kurt ausreichend Meerrettich dazu aß und genug Schnaps trank, um dieses Fett auch gut zu verdauen. Die Belastung für seinen Geist war also enorm gewesen, ging er von der Belastung seines Körpers aus.

Am Sonntag war Kurt dann zur Mittagsjause bei seiner Schwester eingeladen, die darauf bestand, dass viel gegessen wurde. Vor allem ihr Reindling – eine Art Napfkuchen mit Rosinen – war fast doppelt so groß wie noch im Jahr davor und die darauffolgenden Eier, die Kurt mit seinen Nichten und Neffen mampfen musste, schwemmte er mit dem Birnenmost seines Schwagers hinunter, welcher ihm Stunden später fürchterliche Bauchkrämpfe bescherte – dafür aber half, seinen Darm rasch zu entleeren.

Das setzte Kurts Geist ein weiteres Mal enorm unter Stress! Abends trank er deshalb noch drei, vier, sieben, zwölf Bier, um sich wieder ins Lot zu bringen; eine zusätzliche Belastung seines Geistes über den Umweg seines Körpers.

Heute, Montag, hatte er die übriggebliebene Osterjause vertilgen müssen, die ihm Eltern und Schwester mitgegeben hatten, weil sie mittlerweile kein Selchfleisch und keine Eier mehr riechen konnten!

 

Nun an der Bar trank Kurt das – wie er sich vorgenommen hatte – letzte Bier vor seiner nächsten Untersuchung, welcher er sich nun doch stellen wollte. Sein schlechtes Gewissen war übermächtig. Was, wenn es schon zu spät war? Was, wenn er seinen Körper schon so weit belastet hatte, dass sein Geist nachhaltig Schaden genommen hatte? Wenn ein gesunder Geist in einem gesunden Körper wohnte, war es dann nicht im Umkehrschluss logisch, dass ein kranker Körper von einem kranken Geist bewohnt wurde?

Als er sich selbst hoch und heilig Besserung gelobte, war er gleich ein wenig erleichtert. Vielleicht war er dem Wahnsinn ja wirklich noch einmal entronnen. Kurt beschloss, seinen feierlichen Eid mit einem letzten – diesmal aber wirklich allerletzten! – Bier zu besiegeln und kippte den Rest seines aktuellen Glases in seine Kehle. Indem er dieses absetzte, schweifte sein Blick nach links und er erlebte einen solchen Schock, dass er mit einem Mal kerzengerade und um 90 Grad nach links gedreht da stand. Direkt vor ihm lehnte – menschengroß, rosarot und flauschig – ein Hase am Tresen und glotzte ihn an. Nicht genug damit, hob dieser nun auch noch ein Schnapsglas, deutete ein „Prosit“ an und kippte es ex.

Kurt schnappte nach Luft, schluckte dadurch das Bier in seine Luftröhre und wurde von einem lebensbedrohenden Hustenanfall in die Knie gezwungen. Als sich der Riesenhase mit seinen Riesenaugen und ausgebreiteten Riesenpfoten auf ihn herabbeugte, schwanden Kurt die Sinne.

 

Im Rettungswagen, der ihn ins Klinikum Klagenfurt brachte, kam Kurt schreiend zu sich:

„Ich bin deppert geworden! Der Osterhase holt mich! Helfts mir!“

Die Sanitäter schnallten ihn fester auf die Trage und sedierten ihn.

 

Erst als er am darauffolgenden Tag in einem Krankenzimmer erwachte, war Kurt wieder soweit bei Verstand, dass er vernünftig mit sich reden ließ.

„Der Hase war nicht echt“, klärte ihn die Stationsschwester auf, die die Hintergründe kannte, „sondern nur ein Herr in Verkleidung, der auf dem Nachhauseweg von einer Osterparty für Kinder in dem Lokal zukehrte. Dieser Herr hat Ihnen außerdem erste Hilfe geleistet.“

„Mein Geist ist also nicht krank?“, stammelte Kurt hoffnungsfroh und die Stationsschwester antwortete lachend:

„Aber nein! Es sei denn, der Bluttest sagt etwas anderes; da sind die Ergebnisse noch ausständig.“ Und in einem Nachsatz ergänzte sie: „Da erfahren wir dann auch, welche Drogen Sie im Blut haben.“

 

Wie gesagt, die Fastenzeit begann für Kurt in diesem Jahr am Dienstag nach Ostern.

 

 

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