Griechenland und der korrupte Torwart

Kurt ist wieder auf freiem Fuß, was bedeutet, dass er seinen Rausch ausgeschlafen hat. Allerdings werden ihm zwei Dinge noch länger nachhängen, als sein Kater: die Gerichtsverhandlung wegen Körperverletzung und das Lokalverbot in einer heruntergekommene Fußball-Spelunke in Klagenfurt-Waidmannsdorf. Denn dort hat er Franz verprügelt.

Das ist durchaus ungewöhnlich, denn normalerweise ist Kurt der leidende Teil, wenn er in körperliche Auseinandersetzungen gerät. Doch diesmal trägt er ja nur ein Viertel der Schuld an der Eskalation; je ein weiteres Viertel tragen eine Überdosis Bier und ein Versicherungsvertreter namens Mario.

 

Begonnen hat alles wie üblich mit einem Spruch: „quod licet iovi non licet bovi – Was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen noch lange nicht erlaubt.“

Damit fällt das letzte Viertel Schuld mir zu, denn ich war es, der diesen Spruch in einem unbedachten Moment Kurt gegenüber fallen ließ. Ich wollte damit verbildlichen, dass die EU dem nun verarmten Griechenland jahrelang Regelverstöße hatte durchgehen lassen, während sie anderen Mitgliedern pingelig auf die Finger geschaut hatte.

Doch Kurt entging nicht nur meine darin verpackte bittere Ironie, der Spruch grub sich auch noch auf jene unheilvolle Weise in sein Gedächtnis ein, die ihn immer an den Abgrund führt. So auch diesmal.

 

Die Sache eskalierte in dieser Spelunke nahe dem Wörthersee Stadion, in der sich die Fans des lokalen Amateur-Fußballvereins nach einem Trainingsspiel einfanden; unter ihnen auch Kurt. Dieser war schon gut abgefüllt und prahlte lautstark mit dem Spruch, den er von „meinem Freund, dem Schriftsteller“ gehört hatte. Da wandte sich ihm ein junger Kerl in Anzug und Krawatte zu, der neben ihm am Tresen stand. Er stellte sich als Mario vor, von Beruf Versicherungsvertreter.

„Das Problem mit den Griechen und der EU hat ganz andere Ursachen“, belehrte er Kurt.

Mario gehörte zu jener Sorte Menschen, die nach ihrem Grundschulabschluss aus beruflichen Schulungen und Zeitungsberichten zu wissen glauben, wie unsere Welt funktioniert. Mit diesem Wissen versuchen sie dann jeden nur möglichen Thekensteher zu beeindrucken, wohl in der Annahme, das Paradies würde ausbrechen sobald ausreichend viele Biertrinker mit ihren Erkenntnissen beglückt wären.

 

Kurt war hierbei ein harter Brocken, denn sein typenbedingt ohnehin begrenztes Denktempo war durch das Bier dieses Abends noch zusätzlich herabgedrosselt. Mario versuchte es also mit einem Beispiel:

„Stell dir vor, die EU wäre ein Verein. In diesem Verein gibt es Mitglieder, die mehr geben als sie bekommen und Mitglieder, die mehr bekommen, als sie geben.“

„Verstehe ich nicht“, lallte Kurt mit schwerem Blinzeln.

„Zum Beispiel ein Fußball-Club“, wurde Mario konkret. „Der Stürmer gibt mehr als er bekommt, der Torwart bekommt mehr, als er gibt.“

Kurts Gesicht hellte sich auf, als er erkannte:

„Der Franz, also.“

„Häh?“

„Du hast gesagt, der Torwart“, erklärt Kurt, „das ist in unserem Club der Franz.“

„Meinetwegen“, gab sich Mario ungeduldig und fuhr fort: „Das Fußballspiel ist wie der Alltag in der EU: Es funktioniert nur, wenn sich alle Spieler an die Regeln halten.“

Kurt blinzelte wieder schwer und versuchte zu verstehen:

„Das heißt, wenn der Franz …“

„… wenn sich der Torwart nicht an die Regeln hält, verliert die Mannschaft das Spiel.“

„Ja – weil der Franz die Kugel durchlässt.“

„Genau!“ Mario triumphierte. „Und das ist auch das Problem mit der EU: In jeder Fußballmannschaft wird der Torwart ausgewechselt, wenn er nicht spurt, in der EU wird er finanziell noch mehr unterstützt.“

Kurts Augen begannen vor Zorn zu funkeln und er nahm einen Riesenschluck Bier. Dann knallte er das Bierglas auf den Tresen und brüllte außer sich:

„Das heißt, der Franz bekommt Geld dafür, dass er den Ball durchlässt?!“

„Genau“, bestätigte Mario, sich endlich verstanden fühlend, „und zwar für jeden weiteren Ball, den er durchlässt, noch mehr Geld.“

 

Das Schicksal wollte es, dass Torwart Franz akkurat in diesem Moment den Raum betrat. Als Kurt ihn sah, ballten sich seine Fäuste, straffte sich sein ansonsten pummeliger Körper und sein nasaler Bariton verkündete die heraufdräuende Gewalt, indem er schrie:

„Franz, du Schwein!“

 

Was danach kam, verstand in der Spelunke niemand wirklich. Doch handelte Kurt mit Recht: Was den Griechen erlaubt ist, ist dem Franzi längst noch nicht erlaubt!

 

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