Die Frau, das Fasten – und das Bier

Kurt hatte eine Freundin. Dann kam Aschermittwoch. Jetzt teilt er sein Nachtlager mit den Obdachlosen am Klagenfurter Hauptbahnhof.

Als ich ihn in der Bahnhofshalle herumlungern sah, ging ich davon aus, er würde mit dem Taxi auf Kundschaft warten und – ermüdet vom Füßevertreten – nur eben einmal abrasten. Aber weit gefehlt.

„Heda, Herr Schriftsteller“, begrüßte er mich öffentlich hörbar und augenscheinlich froh, ein ihm bekanntes Gesicht zu sehen und schüttete mir gleich unaufgefordert sein Herz aus:

 

Kurt hatte seine Freundin Jacqueline vor ziemlich genau einem Jahr bei einem Maskenball kennengelernt. Sie war als Prinzessin verkleidet und er als King Kong. Schön, schlank, schlau, das war Jacqueline alles nicht – aber auch Kurt ist ja kein Sahnestück und als sie am Morgen danach gemeinsam aufwachten und einander auch demaskiert und nüchtern nicht abstoßend genug fanden, um nicht zusammen zu ziehen, teilten sie sich fortan Küche, Bett und Lebenserhaltungskosten.

„Und jetzt hat sie mich vor die Tür gesetzt“, endigte Kurt im Jammerton.

„Ja, aber warum denn?“, fragte ich – aus Höflichkeit, denn eigentlich wusste ich ja schon, dass es wieder eine seiner dummen Behauptungen gewesen war, die ihn in diese Bredouille gebracht hatte!

Und Bingo: Kurt machte kugelrunde Augen und antwortete, als zitiere er ein Lebensgesetz:

„Flüssiges bricht Fasten nicht!“

 

Um die Sache abzukürzen: Wenige Tage davor hatte Kurt mit seinem Taxi einen Historiker chauffiert, der ihn aus Anlass der bevorstehenden Fastenzeit erzählt hatte, die Mönche im Mittelalter seien vor Ostern einer strengen Fastenordnung unterworfen gewesen. Um die fehlenden Kalorien auszugleichen, brauten sie ein besonders starkes Bier ein. Das war kein Widerspruch, denn ein alter kirchlicher Grundsatz legte fest: „Flüssiges bricht Fasten nicht“ – ohne Einschränkung der Art der Flüssigkeit.

Da die Fahrt vom Flughafen zum Landesmuseum dank des Berufsverkehrs seine Zeit dauerte, erzählte der Historiker noch eine ganze Menge anderer interessanter Anekdoten aus der jahrtausendealten Geschichte des Bieres.

Nun ist Kurt von Haus aus kein – sagen wir einmal – intellektuell zentriertes Individuum, doch diese Erzählungen saugte er auf wie ein Schwamm!

 

„Weißt du, Herr Schriftsteller“, erklärte er mir, „das war ein Wink des Schicksals, weil meine Jacqueline wollte mich echt auf Diät setzen, wenn die Fastenzeit anfängt, weil ich zu fett bin, sagt sie. Sie selbst wollte auch mitmachen und da wollte ich ihr natürlich unnötige Qualen ersparen. Deshalb hab ich ihr gleich am selben Abend noch die kirchlichen Fastenregeln erklärt.“

„Lass mich raten“, fiel ich ihm ins Wort, „das mit dem Bier hat ihr gar nicht gefallen, stimmt’s?“

„Ganz genau“, nickte Kurt und spielte mir jene schicksalhafte Szene live in der Bahnhofshalle vor:

„Sie: ‚Das täte dir so passen: Nix essen, nur noch saufen!’

Ich: ‚Das Bisserl, das ich ess’ kann ich auch trinken!’

Sie: ‚Das hast du dir fein ausgedacht!’

Ich: ‚Nein, nein! Alles historisch belegt! ‚Flüssiges bricht Fasten nicht’!’

Sie: ‚Das kannst du deiner Großmutter erzählen!’

Ich (leicht ärgerlich): ‚Ihr Frauen habt Null Ahnung vom Bier und vom Historischen! Deshalb haben sie schon im alten Babylon die Frauen ertränkt, wenn sie schlechtes Bier gebraut haben! Und im Mittelalter, da haben sie sie verbrannt, wenn was mit dem Bier nicht gestimmt hat! Als Bierhexen! Da schaust, gell? Hat mir alles der Herr Historiker erzählt. Und rat’, warum seit damals die Mönche das Bier brauen und nicht mehr die Frauen? Weil Ihr Frauen das einfach nicht kapiert, das mit dem Bier und mit dem Historischen! Und seitdem schmeckt das Bier endlich nach was!’

– Was schaust denn so komisch, Herr Schriftsteller?“

 

Kurt hatte bemerkt, was mir selbst nicht aufgefallen war: Meine Gesichtszüge hatte sich – in angstvoller Erwartung dessen, was gleich kommen würde – verzerrt.

„Gar nicht gut, so etwas zu einer Frau zu sagen“, meinte ich.

„Ja, aber wenn’s doch stimmt!“, begehrte Kurt auf.

„Und was hat’s dir eingebracht?“, fragte ich und zeigte mit einer ausladenden Armbewegung auf das Umfeld, in dem Kurt nun wohnte.

„Sie redet nicht mehr mit mir“, wechselte er ins Kleinlaute, „hat die Türschlösser ausgewechselt, stellt sich taub, wenn ich anläute, geht nicht ans Telefon, wenn ich anrufe.“

„Lass ihr etwas Zeit“, riet ich ihm. „In einer Woche oder so stellst du dich mit einem Strauß Blumen auf die Türmatte und entschuldigst dich unterwürfig.“

„Ja, verstehst du denn nicht?“ fuhr Kurt auf, „sie hat mich ausgesperrt!“

„Na und?“, erwiderte ich ähnlich heftig, „dann schlüpf vorübergehend bei einem Freund unter und leih dir von ihm ein paar Klamotten!“

Kurt starrte mich an, wie ein rinderwahnerkrankter Stier ein knallrotes Gänseblümchen und rief:

„Hallo?! Die Wohnung gehört mir!“

 

Die Moral von der Geschicht’: Frauen, das Fasten und das Bier sind eine explosive Mischung. Und das wussten sie auch schon im alten Babylon.

 

 

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