Wer schreibt, der verändert die Zustände

Als ich neulich am Morgen die Zeitung aufschlug, sprang mir eine Schlagzeile ins Auge: „Schwere Tumulte bei Polit-Kundgebung“, der Übertitel: „Verteiler von Hetzschrift krankenhausreif geprügelt“.

Da war mir klar, dass Kurt in nächster Zeit unausstehlich sein würde!

 

Hier in Klagenfurt sind politische Kundgebungen selten und so klein, dass sich die Passanten fragen, bei welchem Geschäft diese Leute da anstehen. Die Schlagzeile war also eine Sensation und was Kurt mit ihr zu tun hatte, kam so:

 

Kurt ist Taxifahrer, ich kenne ihn seit Jahren gut genug, dass wir uns grüßen und ein paar Worte wechseln, wenn wir uns über den Weg laufen.

Kurt hat eine Eigenart, die immer originell beginnt und lästig endet: Er stellt eine banale Behauptung auf, erfindet allerlei verrückte Argumente dafür und will, dass auch die wirkliche Welt sie glaubt. Tut sie aber nicht, weshalb Kurt seine Überzeugungsarbeit bis zur Penetranz steigert. Die Lage muss immer erst eskalieren, ehe er zur Vernunft kommt, danach dauert es fünf, sechs Monate, bis er die nächste dämliche Behauptung aufstellt.

Ich schätze, sein Beruf füllt ihn nicht ganz aus.

 

Doch diesmal ging er zu weit. In seiner Behauptung: „Wer schreibt, verändert die Zustände“, fand Kurt den Schlüssel zur Macht: Schreiben hatte er ja in der Schule gelernt und die Zustände flehten ohnehin nach Veränderung. Er, das Schreiben und Klagenfurt – das war der richtige Mann mit der richtigen Fähigkeit am richtigen Ort!

Nachdem er damit tagelang allen auf den Sack gegangen war, begann Kurt, die Zustände verändern zu wollen. Leider druckte keine Zeitung seine inhaltswirren Leserbriefe ab und die Antworten auf seine Facebook-Postings waren endenwollend und – höflich ausgedrückt – sympathieneutral.

 

Dann gefiel es dem Schicksal, mich auf der Straße in Kurts Fänge zu treiben.

„Du, Herr Schriftsteller“, rief er begeistert, „was veränderst du alles, mit deiner Macht?“

Ich verstand erst was er meinte, als er mir seine aktuelle Spinnerei aufgetischt hatte.

„Das kannst du nicht eins zu eins auf die Wirklichkeit ummünzen“, versuchte ich ihn einzubremsen, „sonst müssten ja jedes Mal Leute sterben, wenn ich einen Krimi schreibe.“

Kurt starrte mir sekundenlang in die Augen, wobei abwechselnd Furcht und Ehrfurcht sein Gesicht kneteten.

„Aber das tun sie ja“, flüsterte er dann, „jeden Tag! Weil … weil es so viele Krimi-Autoren gibt! Und wer schreibt, verändert die Zustände.“

Da verlor ich dann doch etwas den Gleichmut, immerhin hatte er mich soeben des Serienmordes bezichtigt! Wir gerieten in einen Streit, in dem er mir all das Leid vorwarf, das ich in meiner Naivität mit meinen Krimis angeblich verursachte, ohne es zu bemerken. Ich hingegen nannte ihn einen ignoranten Depp, weil er meinen Standpunkt nicht hören wollte. Im Davongehen wandte er sich mehrmals zu mir um und schrie dabei: „Ich werd’s dir beweisen!“

 

Das hatte er nun wohl getan: Wie die Zeitung berichtete, hätte im Rahmen einer disziplinierten politischen Kundgebung ein Mann damit begonnen, Flugblätter an die Demonstranten zu verteilen, in denen er deren Überzeugung in Misskredit brachte.

Das abgedruckte Faksimile eines der Flugblätter bewies, dass diese Umschreibung den Preis für die Untertreibung des Jahrhunderts einsacken würde: Kurt beflegelte die Kundgebungsteilnehmer als Schweine, wobei er nicht mit bunten Attributen sparte, befahl ihnen ähnlich ausdrucksvariabel sich zu verziehen und drohte jedem Prügel an, der sich weigerte. Die Meinungsbekundung endete mit einem gesalzenen Epilog, der besagten Schweinen die Schuld an den desaströsen politischen Zuständen in Europa in die Hufe schob.

Während der wütende Mob – so die Zeitung weiter – Kurt in einer spontanen Emotionsäußerung körperlich zurechtwies, floh dieser nachhause und sperrte sich ein. Doch der Mob verschaffte sich mittels Einbruchs durch ein Fenster Zutritt zu Kurts Wohnung, beförderte ihn mittels Ausbruchs durch ein anderes Fenster auf die Straße und gerbte ihm dort enthemmt das Fell, bis die Polizei eintraf. Danach rächte man sich am Inventar von Kurts Wohnung weiter.

Befragt, worauf die Unverhältnismäßigkeit dieser Gewaltanwendung zurückzuführen sei, antworteten die Demonstranten: auf Kurts beharrliche Provokation. Dieser hätte nämlich erst damit aufgehört, immer neue Beschimpfungszettel hervorzuzaubern, als man ihn endlich bewusstlos gemacht hätte.

Ich seufzte und beschloss, Kurt ins Klinikum besuchen zu gehen.

 

Ich fand ihn in einem Streckverband vor – er sah gar nicht gut aus: Alle ersichtlichen Körperteile waren eingefascht oder geschient, alle nicht verbundenen Gesichtsregionen schimmerten in ineinanderfließenden Pastelltönen. Als jenes Auge, das nicht zu einem Relief aufgeschwollen war, mich erkannte, verzerrten sich seine aufgeplatzten Lippen zu einem triumphierenden Zahnlückengrinsen, das mir allein schon beim Zusehen Schmerzen bereitete.

Er flüsterte mir zu: „Wer schreibt, verändert die Zustände“, dann unterbrach er sich mit einer Lautfolge, die es zur Auslegungssache machte, ob sie Husten oder Lachen wäre und flüsterte schließlich zu Ende: „Ich hab’s dir bewiesen!“

 

Ich kann nicht umhin, so etwas wie Achtung für Kurt zu empfinden. Ich wäre wohl nicht bereit, soweit zu gehen um eine Theorie zu beweisen!

Selbstverständlich weigere ich mich auch weiterhin anzuerkennen, dass meine Krimis Schuld am Ungemach irgendeines Menschen wären, aber ich glaube Kurts Behauptung: Wer schreibt, verändert die Zustände – und seien es auch nur seine eigenen.

 

 

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    c+g (Freitag, 03 Februar 2012 19:23)

    super blog - sind gespannt auf den nächsten!
    ...und auf die gefahr hin, dass kurt evtl. recht hat - vielleicht gibts ja bald wieder einen krimi....